Vier Wissenschaftler erzählen, wie es nach der Habilitation weiterging.

Mein Traumjob

Ich wäre für eine Professur nicht umgezogen. Mein Mann hat hier in Berlin einen Weinladen, und meine zwei Kinder waren gerade in der Pubertät, die verpflanzt man nicht einfach in eine andere Stadt. Also bewarb ich mich nur auf Professuren in Berlin und Umland. Das waren etwa ein Dutzend. Ich bin Geschichts- und Kulturwissenschaftlerin und habe mich 2006 habilitiert. In meinem Fach gab es doppelt so viele Nachwuchswissenschaftler wie frei werdende Stellen. Zweimal vertrat ich Professoren, jedes Semester wurde der Vertrag erneuert. Eigentlich hatte ich immer das Gefühl, ganz nah dran zu sein, und fühlte mich als Frau nie benachteiligt. Ich fand sogar, dass es an der Humboldt-Universität einen Förderwillen für Frauen gab, und war mir sicher, dass es irgendwann klappen würde.

Gleichzeitig nahm ich eine Projektstelle an, am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam, das zur Leibniz-Gemeinschaft gehört. Als dort eine langfristige Stelle frei wurde, bewarb ich mich, mit Erfolg: Nach zwei Jahren wurde ich entfristet. Das war wie ein Befreiungsschlag. Ich leite heute dort eine der Forschungsabteilungen, kann inhaltlich frei und selbstbestimmt arbeiten. Ich bin der Wissenschaft treu geblieben – nur nicht mit einer Professur an der Uni. Meinen Traumjob habe ich dennoch gefunden.

Annette Vowinckel, 49, arbeitet am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam

No risk, no job

Gescheitert? Nein, das wäre wirklich eine sehr einseitige Betrachtung, nur weil sich ein zunächst angedachtes Berufsziel nicht realisiert hat. Das Leben birgt solche Risiken. Und die Karriere an der Universität sowieso. Das weiß man, wenn man sich auf dieses Berufsziel einlässt. Im Übrigen wurde meine zügig abgeschlossene Habilitation als außergewöhnliches Plus in meinem Lebenslauf bewertet.

Ich bin theoretischer Physiker und leite bei der Commerzbank die Marktrisikomodellierung. Als ich 2000 wechselte, waren Physiker in der Finanzwirtschaft sehr gefragt, das Risikomanagement wurde stark ausgebaut. Nach der Finanzkrise wurde meine Arbeit noch interessanter, die Banken waren gefordert, Risiken besser in den Griff zu bekommen.

Ich habe mir die Entscheidung gründlich überlegt, habe abgewogen, wie wahrscheinlich eine Berufung sein würde. Ich war ja ziemlich jung habilitiert, mit 32 Jahren, aber nach der Anzahl meiner Publikationen war ich deshalb kaum konkurrenzfähig mit älteren Kollegen. Ich hätte sicher noch einige Jahre auf befristeten Stellen zubringen müssen. Also bewarb ich mich, direkt nachdem ich habilitiert war, außerhalb der Uni. Ich bereue beide Entscheidungen bis heute nicht, weder die zu habilitieren, noch die, in die freie Wirtschaft zu wechseln.

Jürgen Stein, 49, theoretischer Physiker, arbeitet bei der Commerzbank

Forschen geht auch hier

Entweder Professur oder Arbeitslosigkeit – das ist eine zu grobe Sicht. Auch drei meiner Kollegen sind habilitiert. Ich arbeite in Halle an der Leopoldina, einer der ältesten Akademien für Naturforscher und mittlerweile auch für Geisteswissenschaftler offen. Hier wurde ich vor fünf Jahren als wissenschaftlicher Referent eingestellt, nach zwei Jahren entfristet. Inzwischen leite ich das Präsidialbüro der Leopoldina, das ist vergleichbar mit der Stabsstelle des Präsidenten einer Universität. Wäre ich im Uni-Betrieb auf einer ähnlich reizvollen Position gelandet?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 21 vom 12.5.2016.

Meine Karriere ist klassisch verlaufen, ich studierte Philosophie, Politik und Germanistik. Ich wurde gefördert von der Studienstiftung des deutschen Volkes und erhielt Forschungspreise. Bis zur Habilitation, die ich 2008 abschloss, war meine Finanzierung gesichert. Ich hatte am Ende eine Dreiviertelstelle und übernahm die Koordination eines Forschungszentrums an der Uni Jena, das ich mit aufgebaut habe. Nach der Habilitation mit 39 war ich Vertretungsprofessor über drei Semester. Aber ich wusste nicht, ob ich eine volle W3-Professur bekommen würde. Ich wollte nicht endlos Zeit verlieren für eine eventuelle Uni-Karriere und bewarb mich noch während der Vertretungsprofessur bei der Leopoldina. Manche Kollegen fragten verwundert, warum? Für mich war der Schritt aus der Uni raus kein Weltuntergang. Forschen kann ich als Philosoph jetzt auch, und die Lebensumstände gefallen mir besser.

Stefan Artmann, 47, leitet das Präsidialbüro der Leopoldina in Halle

Das lohnt sich nicht

Vier Jahre lang habe ich in der vorlesungsfreien Zeit an meiner Habil gearbeitet. Dann wurde mir klar, die ganze Arbeit lohnt sich nicht, weil ich kein typischer Computerlinguist war und mich von der traditionellen Linguistik entfernt hatte. Die Dauerstellen im akademischen Mittelbau waren zudem langfristig besetzt. Kurz: Die Zukunft war unsicher, und ich hatte bereits eine Familie mit zwei Kindern. Der ursprüngliche Plan war: Ich wollte mich in theoretischer Linguistik habilitieren. Was mir aber auch schon klar war: Die große Uni-Karriere, publizieren, zitiert werden, war nicht meine Sache. Dafür hätte ich auch mehr für mich werben müssen.

Viel mehr Spaß machten mir die Seminare. Mir lag die Lehre, die sich viele Professoren lieber ersparen würden. Während des Grundstudiums, das inzwischen faktisch wie Schule ist, braucht man auch reine Lehrer. Diese Art von Stellen fehlen aber an deutschen Unis, in den USA ist das anders. Wenn ich so eine bekommen hätte, wäre ich vielleicht geblieben. Mir wurde bewusst, dass ich die Habil eigentlich benutze, um lehren zu können. Ich war 43, da ist ein Neuanfang nicht ganz so leicht. Über eine Bekannte wurde mir eine Stelle als Lehrer an einem Gymnasium angeboten. Da mache ich nur Lehre und merke: Es stört mich nicht, dass ich kein hoch angesehener Prof bin. Gerade habe ich einen Kurs zum Abitur begleitet, für den bin ich verantwortlich, das ist ein schönes Gefühl.

Daniel Schnorbusch, 55, unterrichtet am Gymnasium Deutsch