Wer auf Tuchfühlung gehen will, wickelt erst mal die Krawatte ab. So ungefähr haben sich die Leute bei der Haspa das gedacht. Der Binder schaffe "Distanz zum Kunden", lautete die Kritik eines Auszubildenden, und da Distanziertheit als Haltung zunehmend aus der Mode kommt, gibt man sich nun auch am Schalter oder im Kundengespräch weniger zugeknöpft.

Andererseits versteht man sich weiterhin als Institution, entsprechend wird auch diese Lockerungsübung festgezurrt mit einem Statut. Der neue Dresscode heißt "Haspa Business Casual" und legt fest, dass es nun weniger Festlegungen gibt.

Anzug und Krawatte sind nicht mehr Pflicht bei männlichen Mitarbeitern, sie können in Jeans, Chinos und mit offenem Hemdkragen erscheinen. Außerdem lässt sich die Garderobe milieubedingt variieren. "Unsere Kollegen haben die Möglichkeit, sich kleidungstechnisch mehr dem Stadtviertel anzupassen, in dem sie arbeiten", erklärt Stefanie von Carlsburg, Leiterin der Haspa-Unternehmenskommunikation. Das hieße, der gängigen Hamburg-Folklore gemäß: Dreiteiler in Blankenese, Hoodie in der Schanze.

Schwieriger wird es in Vierteln, die soziologisch weniger konturiert erscheinen. Wie sähe zum Beispiel die Arbeitsmontur des Bankangestellten in Barmbek-Süd aus? Im Zwischenfeld von Winterhude-Bourgeoisie und Eilbek-Proletariat werden die Haspa-Mitarbeiter einiges zu tun bekommen, modesemiotisch gesprochen. Raffinierteste Variationen sind denkbar: T-Shirt unterm Sakko, dazu Jeans und Straßenschuh (sportlich-konservativ); Blazer mit Polohemd und Krawatte (ironisch-konservativ), Jackett mit Rolli (erkältet).

Die Idee ist dabei nicht wirklich innovativ, selbst in der politischen Klasse hat die Krawatte schon seit Längerem als Zwangsutensil ausgedient. Nicolas Sarkozy sparte sich beim ersten Fernsehauftritt als Wahlsieger die Krawatte. Barack Obama gab seine Präsidentschaftskandidatur mit aufgeknöpftem Hemd bekannt. Und in Hamburg sieht man Olaf Scholz regelmäßig oben ohne.

Der fehlende Binder ging allenthalben noch 1985 als markante Geste durch. Damals wurde Joschka Fischer krawattenlos und in Turnschuhen als erster grüner Minister in Hessen vereidigt. Fünfundzwanzig Jahre später verweigerte Bundestagspräsident Norbert Lammert zwei Politikern von Linkspartei und Grünen das Amt des Schriftführers, weil sie keine Krawatte trugen. Zu diesem Zeitpunkt wirkte der ästhetische Komment auf viele nur noch zwanghaft und antiquiert.

Auch in der Finanzbranche ist die Krawatte weitgehend marginalisiert; an der Wall Street geben sich die Spekulanten und Hedgefondsmanager erstaunlich locker. Männer ohne Krawatte oder Sakko bei Goldman Sachs? Kein Problem – mit den ethischen Bedenken hat man sich auch den rigiden Dresscode vom Hals geschafft. Der amerikanische Krawattenverband reagierte angemessen und löste sich 2008, sechzig Jahre nach seiner Gründung und pünktlich zur Finanzkrise, auf.

Bindungslosigkeit ist heute also keine ästhetische Rebellion mehr, sie markiert den Mainstream. Wenn Führungsstrukturen flacher werden und die klassische Bürohierarchie veraltet erscheint, braucht man auch ihre Insignien nicht länger. Und wer vom Homeoffice aus schuftet, ist sowieso weitgehend unsichtbar. Zur Skype-Sitzung mit Krawatte? Wohl kaum.

Christine Bauer-Jelinek, Wirtschaftscoach und Autorin des Bestsellers Die geheimen Spielregeln der Macht, bedauert das laxe Kleidungsprotokoll: "Mit dieser Freiheit verlieren Männer ihr Rüstzeug auf den Schauplätzen der Konkurrenz."

Steve Jobs hat es dennoch geschafft, Mark Zuckerberg auch. Die machthermeneutische Analyse des Kapuzenpullovers steht noch aus.

Dafür hat die Popkultur die Krawatte als Requisit wiederentdeckt. Stars wie Pete Doherty, Mark Ronson oder Brian Ferry treten grundsätzlich mit Binder auf. In Hamburg lässt Udo Lindenberg den Schlips weiterhin als Accessoire einer gut vermarktbaren Gegenkultur erscheinen.

Letztlich wirkt die Krawatte therapeutisch. "Eine Schmale gegen das Breitsein" hatte der Autor Benjamin von Stuckrad-Barre seinem alkoholgeplagten Mentor Lindenberg geschrieben und einen Binder beigelegt.

Was bedeutet diese Dialektik für den Bankbeamten? Je strammer die professionelle Gesinnung, desto lockerer die Garderobe.