Neubergerweg 80, Hamburg-Langenhorn. Jeder in der Stadt weiß, wer dort gewohnt hat. Fast die ganze Welt weiß es. Denn sie waren ja dort, die großen Politiker der Nachkriegszeit, beim deutschen Staatsmann Helmut Schmidt. Schmidt wollte, dass sein Haus, das stets für Gäste offen war, nach seinem Tod weiter offen bleibt. Am Montag gab die Helmut und Loki Schmidt Stiftung erstmals Einblicke in ihre Pläne: Helmut Schmidt habe testamentarisch verfügt, dass nur ganz wenig verändert werden dürfe, sagte der Kuratoriumsvorsitzende und frühere Finanzminister Peer Steinbrück. Ein klassisches Museum werde es daher nicht geben. Keine Touristenscharen also, dafür aber kleine Gesprächsrunden und einen im Internet einsehbaren "virtuellen Rundgang" durchs Haus. Bis der ins Netz gestellt wird, dauert es noch ein paar Monate. Deshalb macht sich an dieser Stelle der langjährige Lektor und enge Vertraute von Helmut Schmidt, Thomas Karlauf, auf den Weg durch ein Haus voller Erinnerungen.

Als Helmut Schmidt 1961 Polizeisenator in Hamburg wurde, erwarben er und Loki in einer Neubausiedlung der Neuen Heimat am nördlichen Stadtrand ein Doppelhaus. In das hintere Haus zogen Schmidts Eltern; nach dem Tod des Vaters 1981 wurde die Mauer durchgebrochen und eine Verbindung zwischen beiden Häusern hergestellt. Trat man in die Diele, lag rechts eine kleine Küche, durch die man ins Esszimmer gelangte. In der Gästetoilette links hatte der sowjetische Staats- und Parteichef Breschnew bei seinem Besuch 1978 von seinem Arzt eine Spritze bekommen, wonach die beiden die Ampulle samt Verpackung liegen ließen – eine Anekdote, die Schmidt gern erzählte.

Von der Diele ging es geradeaus direkt in den großen Wohnbereich, der durch eine Verandatür am Ende viel Licht erhielt; davor stand der Flügel. Nach rechts schloss sich das eigentliche Wohnzimmer an, mit einer skandinavischen Sitzgruppe aus den sechziger Jahren und voller Bücherregale, die fast bis unter die holzgetäfelte Decke reichten. Aus dem breiten Durchgang, der zum Esszimmer führte, trat man links in die kleine Hausbar, in der Schmidts Personenschützer Otti Heuer Gästen vor dem Essen einen Drink servierte.

Alle Wände des Hauses – Schmidt sprach immer nur von seiner Wohnung – waren von oben bis unten mit Kunst zugehängt: Gemälde und Zeichnungen der Maler aus Worpswede und Fischerhude, deutsche Expressionisten, der eine und der andere französische Künstler, als Höhepunkt im Esszimmer eine Ansicht des Hamburger Hafens von Albert Marquet (eine Leihgabe des Museums in Altona) und ein Seestück von Emil Nolde, ein Geschenk Werner Ottos.

Zu Schmidts eigentlichem Reich gelangte man über eine Treppe, die hinter der Diele in den hinteren Teil des Hauses führte. Später, als ihm und Loki das Gehen schwerfiel, wurde ein Treppenlift eingebaut. An Schmidts Arbeitszimmer schlossen sich zwei weitere Büros an; im ersten lagen Akten und Bücher, die eingeordnet beziehungsweise noch gelesen werden mussten, im zweiten fanden die Besprechungen mit den Mitarbeitern statt. Das Schlafzimmer hatte sich Schmidt in den letzten Jahren direkt neben dem Arbeitszimmer eingerichtet, sodass er bis spätabends oder auch nachts, wenn sich der Schlaf nicht einstellen wollte, arbeiten konnte.

Hinter dem Haus hatte Loki ein Gewächshaus errichtet, in dem sie das Wachstum seltener Pflanzen beobachtete, die sie von ihren Expeditionen in ferne Weltgegenden mitbrachte. Außerdem gab es ein kleines Schwimmbad mit Gegenstromanlage. Im Frühjahr 1992 konnte Schmidt die hintere Doppelhaushälfte auf dem Nachbargrundstück erwerben; dort wurde später angebaut und sein Archiv untergebracht.

In Langenhorn, inmitten kleinbürgerlicher Reihenhäuser mit Blumenrabatten in winzigen Vorgärten und gehäkelten Gardinen, fanden die Schmidts die Bescheidenheit ihres Lebensstils angemessen repräsentiert. Es gab Erbsensuppe, Kassler und Grünkohl mit Pinkel, zum Nachtisch rote Grütze. Darin unterschieden sich die Schmidts genauso wenig von den Nachbarn wie in ihrem Ärger über das weggeworfene Papier und die leeren Coladosen, die Schmidt am Wochenende vor der Garageneinfahrt einsammelte.

Im Herbst erscheint von Thomas Karlauf im Siedler Verlag: Helmut Schmidt. Die späten Jahre (ca. 480 Seiten)