Wohl niemand innerhalb der Weltliteratur beherrschte die Kunst der Seelenzergliederung so meisterhaft wie Henry James. Anlässlich seines 100. Todestags konnte man jüngst in einigen Erst- oder Neuübersetzungen noch einmal jene sagenhafte Symbiose aus vollendeter Form und perfekter Stimmung bewundern, die James entwickelt hat. Die feine, oft ja gar nicht feine Gesellschaft entblättert James, bis sie in ihren Abgründigkeiten nackt vor uns steht. Und in seinen Milieudurchleuchtungen spiegelt sich zudem viel von unseren heutigen Psychomechanismen. Aber wie hört sich so etwas an?

Hanns Zischler hat jetzt eine großartige Erzählung von James eingelesen – überhaupt sind die Erzählungen die Glanzstücke im Schaffen dieses Schriftstellers. Im Käfig heißt das 1898 entstandene Werk, das Gilles Deleuze und Félix Guattari 1980 zu einem Kapitel in ihren legendären Tausend Plateaus inspirierte. Der vielfach ausgezeichnete Interpret Zischler, den man demnächst wieder live mit James-Lesungen erleben kann, macht daraus eine subtile Tiefenbohrung durch die englische Klassengesellschaft von damals. Diese spiegelt sich in den Gefühlswelten und in den neugierigen Blicken über die oft unsichtbaren Grenzen zwischen den Schichten hinweg.

Neugierig ist die namenlose Angestellte in einem Londoner Krämerladen, wo sie in einem Gitterkäfig Postalisches erledigt, darunter die Telegramme der Kundschaft. Diese kurzen Botschaften faszinieren sie, aus ihnen baut sie sich Fantasiewelten über die Geschichten zwischen Absendern und Empfängern – etwa so, wie heute jemand über fremde SMS- oder WhatsApp-Bruchstücke fantasieren würde. Ein offenbar geheimes Liebespaar beschäftigt die junge Frau besonders: "Genauso sprachen eben die glücklichsten Menschen der Welt miteinander, so überschwänglich mitunter, dass sie sich fragte, was zu sagen noch übrig blieb, wenn die beiden sich in der Wirklichkeit trafen." Sie spürt dem Mann dieses Paares nach, es kommt sogar zu einem Gespräch – aber es folgt nichts Reales, nichts Dramatisches. Es bleibt nur die Fantasiegeschichte zurück, und die Telegrafistin heiratet ihren langweiligen Verlobten Mr. Mudge.

Der allwissende Erzähler kennt die obwaltenden Mechanismen: "Doch wenn nichts unwahrscheinlicher war als die Wirklichkeit, dann war nichts intensiver als die Vision." Zischler gibt den Erzähler in sonorem, gemessenem Ton; die feine Struktur der Satzkaskaden von James erscheint unseren Ohren deutlich und klar. Souverän entgeht er der Gefahr, James’ kühle, subtile Ironie demonstrativ zur Schau zu stellen. Fast unmerklich fantasiert diese Stimme weiter: in leiser Nachdenklichkeit über die menschliche Natur, über Projektionen in seelischen Gehäusen, deren stumme Käfignatur im scheinbar Undramatischen verborgen ist.

Henry James: Im Käfig. Ungekürzte Lesung mit Hanns Zischler; der Hörverlag, München 2016; 4 CDs, 4 Std. 40 Min., 24,99 €