Vor nicht allzu langer Zeit war im Netz von der Promotionsarbeit einer gewissen Ursula März die Rede. Unzweifelhaft handelte es sich um eine Kritikerin, die sich an vergnügliche, wenn auch recht verbummelte und prüfungsscheue Studienzeiten erinnert. Aber wer weiß? Vielleicht gibt es die Promotion ja doch?

Die Schriftstellerin Juli Zeh hat nun bewiesen: Man kann im Internet lügen, dass es nur so kracht. Man kann dort ganze Potemkinsche Dörfer aufziehen. Ihr jüngst im Luchterhand Verlag erschienener Roman Unterleuten führt eine elektronische Zweitexistenz, welche die Autorin mit gehörigem Aufwand inszeniert und ins Netz implantiert hat. Der im Roman nicht unwichtige "Vogelschutzbund Unterleuten e. V." erfreut sich ebenso einer liebevoll gestalteten Schein-Homepage wie die Gastwirtschaft "Märkischer Landmann". Für 6,90 Euro bietet sie "Jägerschnitzel mit Pilzrahmsoße und Bratkartoffel". Die Hauptlast von Juli Zehs Coup ruht jedoch auf einem Mann namens Manfred Gortz beziehungsweise seiner neoliberalen Kampfschrift Dein Erfolg . Im Roman wird daraus viel zitiert. Nun findet sich dieser Manfred Gortz tatsächlich im Internet wieder. Mit Website, Fotos et cetera. Er twittert auch und lässt sich Mails schicken. Tatsächlich gibt es sogar sein Buch. Es ist im Goldmann Verlag erschienen, der wie Luchterhand zum Verlagskonzern Random House gehört, und kostet fünf Euro. Juli Zeh hat sich offensichtlich die Mühe gemacht, Dein Erfolg selbst runterzuschreiben.

Man steht staunend vor den Ressourcen dieser Schriftstellerin. Und fragt sich, welcher ästhetischen oder netzpolitischen Erkenntnis der ganze Fake dienen soll. Dass die stofflichen Elemente eines Romans lebensecht wirken können, gilt als erwiesen. Dass sich ins Netz Avatare einschleusen lassen, weiß, wer je eine Partnerbörse beforscht hat.

Wirklich witzig am elektronischen Making-of von Unterleuten sind indes manche Nebeneffekte. Zum einen der seltsame Whistleblower-Jargon, in dem der Luchterhand Verlag Pressemitteilungen verschickt und weitere "Enthüllungen" anbietet. Zum anderen der schauspielerisch schwer überforderte Typ, der sich in einem YouTube-Film als Manfred Gortz ausgibt. Wahrscheinlich ein Onkel von Juli Zeh. Aber wer weiß? Immerhin ist im Netz seit einiger Zeit von einer Promotionsarbeit zum Thema: Digitale Metafiktion im Werk von Juli Zeh die Rede. Verfasst von? Tja.