Ganz bestimmt: Im nächsten Leben wird sie Sportlerin. Irgendwas mit Laufen und Boxen, falls es das gibt. Wenn nicht, wird sie es eben erfinden. So viel Energie will schließlich gebändigt oder, wenigstens das, in Vortrieb umgewandelt werden. Wie jetzt: Katrin Plötner geht schnell, Extremitäten erobern den Raum, während unten der Kies des Uferweges knirscht und oben eine gleißende Sonne die Frankfurter Skyline in Splitter auflöst.

Es ist die Begegnung mit einem Regietalent. Nicht wenige sagen: mit dem Regietalent des deutschen Theaters. Wobei das fast schon despektierlich klingt, so nach: unfertig, muss sich erst entwickeln – Mädchen, das wird noch, nur Mut! Dass ihr Abschluss am Salzburger Mozarteum bereits fünf Jahre zurückliegt und die 31-Jährige sich seitdem in der überlaufenen Branche behauptet, an Häusern jeder Größe inszeniert und hymnische Kritiken sammelt: Der getarnte Diminutiv könnte es vergessen lassen. Umso mehr, weil sie sich einer Corporate Identity verweigert. Bloß eine Handschrift, der immer wieder durchdeklinierte Zugriff auf Stoffe und Figuren? Nicht mit ihr.

Zu sehen ist das in den Arbeiten dieser Spielzeit. In Frankfurt hat sie als Mitglied des Regiestudios Ödön von Horváths Klassiker Hin und Her wiederentdeckt, in Regensburg Konstantin Küsperts Zivilisationsepos Pest uraufgeführt und in Würzburg Arthur Millers Tod eines Handlungsreisenden inszeniert. Drei Produktionen, drei Näherungsweisen, aber ein Motiv: In Frankfurt wird existenzialistisch, in Regensburg ironisch und in Würzburg analytisch der Mensch im Getriebe porträtiert. Szenisch ausgefeilt, feingliedrig erzählt. Viele junge Regisseure suchen die Welt und verlieren das Detail. Ihr liegen Abstraktion und Theorie fern: Plötner hängt die Empörung über Zustände und Zeiten gerne ein bisschen tiefer; so, dass man noch herankommt.

Mit Indifferenz hat das nichts zu tun. Ihre Mission: das Höllenfeuer schüren. Die allumfassende, dröhnende Leere demaskieren: Drinnen klemmt es, weil draußen etwas verloren gegangen ist. "Atomkraft und Raumfahrt waren früher mit großen Hoffnungen verbunden. Heute gibt es keine Utopien mehr. Es existiert nicht einmal das Gefühl, dass die Gesellschaft solche braucht", sagt sie, und sofort denkt man an Ferdinand Havlicek, den Protagonisten aus Hin und Her. Staatenlos und im Niemandsland gefangen, sitzt er da wie seine eigene Todsünde. Der Pass, der ihm alle Schranken öffnen würde, ist nur ein Symbol: Nicht das Papier, die Perspektive fehlt. Für Plötner ein Pandämonium der Moderne: "Sinn und Zweck sind verloren gegangen. Der Mensch blickt heute nach unten, flüchtet sich in die private Abgrenzung und verliert den Kontakt zu sich selbst." Das Kraftpaket hat sich gehäutet, eine Melancholikerin ist erschienen.

Wer so redet, schöpft aus der eigenen Biografie. In eine Hellersdorfer Trabantensiedlung hineingeboren, erlebte sie, wie nach der Wiedervereinigung mit den alten Utopien auch junge Illusionen verschwanden, Gott Mark auf Gott Marx folgte und der Bezirk vom DDR-Vorzeigeprojekt zum Ghetto wurde. Ihre Eltern flohen ins bürgerliche Köpenick: nur wenige Kilometer, aber einen Kosmos entfernt. Plötner fand sich in eine soziale und emotionale Terra incognita versetzt. Sie suchte Anschluss und kam zum Theater. Dass Anspruch und Realität in der Szene nicht immer identisch sind, erkannte sie früh. Als sie mit ihrer Hellersdorfer Schulklasse zum ersten Mal eine Aufführung, es war an der Volksbühne, besuchte, begegnete sie der gleichen Geringschätzung wie später im Münchner Residenztheater; dort musste sie als Regieassistentin einmal zum Bühneneingang eilen, um den stets betont nachlässig gekleideten bulgarischen Großregisseur Dimiter Gotscheff abzuholen – der Pförtner hielt ihn für einen Obdachlosen.

Sie kann der Subversion viel abgewinnen; sich im Theater des Theaters zu erwehren sollte ihr ein intellektueller Hochgenuss sein. Im Münchner Marstall machte sie 2012 aus Heiner Müllers Hamletmaschine eine berstende Abrechnung mit dem Kulturbetrieb: Ein Sänger spielt mit einer amorphen, ekstatischen Masse aus mehreren Dutzend Statisten, wird messianisch überhöht, verglüht. So wahr, so wahrhaftig erschien dieses Bild, dass es dem Publikum den Atem raubte. Und so wahr und wahrhaftig sollte es werden, denn, bittere Pointe, Plötners hochtalentierter Hauptdarsteller entfloh wenig später dem Beruf. Von der Bühne getrieben, weil er glaubte, Konformismus und Opportunismus trotzen zu können.

Es sind solche und ähnliche Erfahrungen, die ihren skeptischen Humanismus begründen und ihr jede Ideologie, jedes Heilsversprechen verdächtig machen. Fahles Licht brütet über dem Main, als sie von ihrer aktuellen Produktion erzählt. Bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen zeigt sie gerade Sascha Hargesheimers Auftragsarbeit Die europäische Wildnis, eine Odyssee als Uraufführung, die Frankfurter Premiere ist am 25. Mai. Stück und Regisseurin teilen die gleichen Qualitäten: unkonventionell, tiefenscharf, zeitkritisch. Die fünf Charaktere sind nicht aus Tugendteig gebacken, sondern aus Widersprüchen geformt; im Alltag gestrandet wie Odysseus bei den Phaiaken, ringen sie mit ihm, wie Homers Held gegen Trojaner und Zyklop kämpft. Und wie er sind sie entwurzelt: "Alle Figuren leiden an einer Ortlosigkeit, können Heimat nicht mehr definieren. Dieses diffuse Unwohlsein fordert die Abgrenzung vom Fremden, die Differenzbeschreibung", sagt Plötner, die damit auch Paranoia und Vereinzelung erklärt. "Früher existierte ein Urvertrauen, das abgelöst wurde durch ein Grundmisstrauen. Das beginnt bei einem selber, und deshalb kommt man nicht in Kontakt mit anderen. Aber wenn man immer an sich kleben bleibt, ist die Gesellschaft nicht lebenswert. Sich selber aushalten: Das ist es, was der Mensch am wenigsten kann."

Sie muss los, ist wieder Kraftpaket und hat noch zu tun, die Pause ist vorbei. Ihre Figuren brauchen sie. Kein Wunder. Ob feige oder tapfer, dumm oder klug, kaltblütig oder hitzig: Sie scheitern alle, aber Plötner gibt den Verlorenen und Verzweifelten unserer Epoche eine fatalistische Größe und tragische Würde zurück.