Christ+Welt: Warum sollten Kinder die Bibel kennenlernen?

Martina Steinkühler: Bibelgeschichten sind Lebensgeschichten. Sie geben uns in jeder Beziehung zu denken, im Blick auf Mitmenschen, auf die Welt und vor allem auf Gott.

C+W: Ein Evangelikaler oder ein konservativer Katholik würde antworten: Kinder müssen die Bibel kennenlernen, damit sie für die Ewigkeit gerettet werden.

Steinkühler: Das lasse ich offen. In Berlin und im Osten Deutschlands bin ich von Menschen umgeben, die das so nicht sagen würden. Deshalb würde ich nicht sofort mit einem derart exklusiven Anspruch kommen. Ich frage lieber: Was hat die Bibel allen Menschen zu sagen?

C+W: Was unterscheidet sie dann von Grimms Märchen oder den "Schönsten Sagen des klassischen Altertums"?

Steinkühler: So gut andere Literatur sein mag – nur die Bibel führt zur Begegnung mit Gott. Wir blicken mit der Bibel auf ganz verschiedene Facetten Gottes. Aber sie alle sagen: Es ist derselbe, der eine. Das macht es spannend, sich mit der Bibel auseinanderzusetzen.

C+W: Braucht man dazu Kinderbibeln? Können die Eltern die Geschichten nicht selbst erzählen?

Steinkühler: Kindern Geschichten aus der Bibel zu erzählen ist anspruchsvoll. Die Geschichten sind nicht für Kinder geschrieben. Sie dienen auch keinem erzieherischen Zweck. Und sie sind kein Sachwissen, sondern brauchen Interpretation. Leider sind auch viele Eltern nicht mehr gewohnt, über Geschichten der Bibel nachzudenken und sie zu erzählen.

C+W: Wie suchen Sie aus, was Sie Kindern erzählen?

Steinkühler: Das ist die Frage aller Fragen, übrigens auch im Blick auf Kinderbibeln. Sie hat seltsame Blüten getrieben. Lange hat man sich bemüht, Kinder zu beschützen: vor Gewalt, vor Sex, vor Fragwürdigkeiten, vor Zweifeln. Am Ende kann man dann nur noch vom verlorenen Schaf erzählen. Heute denkt man anders. Die Umwelt konfrontiert die Kinder mit allem. Niemand kann sie abschirmen. Die Frage lautet daher heute, welche Geschichten auf die Komplexität der Welt antworten können. Ich traue Kindern zu, dass sie auch schwierige Geschichten verstehen können. Sie brauchen aber ein Handwerkszeug, um damit umzugehen. Das wollen moderne Kinderbibeln anbieten.

C+W: Wäre die Geschichte, in der der Urvater Abraham seinen Sohn Isaak opfern soll, wieder kinderbibelfähig?

Steinkühler: Sie war jahrelang verpönt, aber jetzt kommt sie wieder vor. Sie ist zu rezeptionsmächtig um sie einfach zu unterschlagen. Auch spielt sie im Islam eine Schlüsselrolle als Ursprung des Opferfestes. Und wir sollten dialogfähig sein.

C+W: Sie würden also auch die Geschichten von Mord und Totschlag in Kinderbibeln aufnehmen? Jona wird vom Fisch verschluckt, und Jesus wird grausam gefoltert.

Steinkühler: Das können Sie machen, wenn Sie beim Geschichtenerzählen einen Sicherheitsabstand einbauen. Sie können den Kindern zu Anfang sagen: Das ist eine Geschichte, ein Gleichnis; die Wahrheit steckt unter der Oberfläche.

C+W: Aber dass Jesus gefoltert wurde, ist nicht bloß eine Geschichte.