Das Afrika, das die Touristen im Naturreservat Lion Park irgendwo im Süden des Kontinents zu sehen bekommen, das sind Löwen vor den Linsen ihrer Kameras, Meerkatzen, die bis auf die Frühstücksterrasse der Lion Lodge kommen, und jeden Morgen gegrillte Tomaten und Toast am Pool. Die Sonne scheint zuverlässig, die Tiere sind majestätisch, die Jeeps geräumig. Und wenn ein Kind wie der Junge Thabo Sonnyboy Shongwe auf den Touren von Wasserloch zu Wasserloch dabei ist, geben die Besucher gerne etwas mehr Trinkgeld.

Das ist die eine Seite von Afrika in diesem Buch. Die andere hat es in sich.

Thabo, der Erzähler der Geschichte, wohnt bei seinem Onkel Vusi, einem der Ranger des Parks. Denn Thabo ist Waise, so wie sein Freund Sifiso, der nicht einmal das Glück hat, einen Onkel zu haben. Die Eltern der beiden Kinder hatten Aids. Sifiso kümmert sich allein um seine kleinen Geschwister, und ja, seine Hütte hat schon mal bessere Tage gesehen, aber sie steht, wenigstens das.

Dieses Afrika jenseits der Verklärung ist der eigentliche Schauplatz der neuen Buchreihe von Kirsten Boie, der bekanntesten Hamburger Kinderbuchautorin. Seit vielen Jahren reist sie nach Swasiland, in dieses kleine Königreich, in dem viele Kinder keine Eltern mehr haben. Kirsten Boie hat eine Stiftung gegründet, die dort unter anderem Projekte für Aids-Waisen fördert. Für das Buch über Thabo, den Detektiv und Gentleman, konnte sie auf Erfahrungen zurückgreifen, die sie bei ihrer Arbeit dort sammelte. Sie hat daraus eine Geschichte gemacht über starke Kinder, die Verantwortung übernehmen, weil sie gar keine andere Wahl haben. Zum Glück ist dabei aber alles andere als ein rührseliges Stück herausgekommen. Thabo ist ein klassisches Detektivabenteuer vor einer für den deutschen Leser ungewohnten Kulisse.

Thabo nämlich will, wie der Titel verrät, zwei Dinge in seinem Leben erreichen: Detektiv werden und Gentleman sein. Letzteres hat er eigentlich schon geschafft, schließlich spricht er seine Leser stets mit "Meine Damen und Herren" an und erklärt ihnen geduldig, wie das Leben im Park und auf der Lodge funktioniert, und wie er die Besucher aus Europa und Amerika wahrnimmt ("Die Touristen halten es nie aus zu warten, meine Damen und Herren, sie gucken ihre Videos schon auf der Safari an").

Thabo hat den Durchblick, er hilft der alten Miss Agatha mit der Internetverbindung und seinem Onkel, wenn der Jeep gewaschen werden muss. Den Jeep fahren kann er sowieso. Seine große Stunde als Ermittler schlägt nun, als im Lion Park eine Leiche entdeckt wird. Und zwar die Leiche eines Nashorns, dem der Mörder brutal das Horn abgesägt hat, vermutlich, um es für viel Geld zu verkaufen.

Jetzt beginnt ein Wettrennen zwischen den Ermittlungen der örtlichen Polizei um den häufig leicht angetrunkenen Inspektor Gwebu – und den Nachforschungen der Kinderdetektiv-Bande, bestehend aus Thabo, seinem Freund Sifiso und der Tochter des Hauses, Emma.

Die Polizei nimmt Fußabdrücke am Tatort und kommt zu dem fatalen Schluss, es müsse Thabos Onkel gewesen sein, der das Nashorn getötet hat. Schließlich weisen dessen Ranger-Stiefel an ihrer Sohle einen Riss auf, genau wie er in einem der Fußabdrücke am Tatort zu sehen ist. Nicht nur Thabo, auch dem Leser wird rasch klar, dass es so einfach nicht gewesen sein kann.

Die Kinder haben einen ganz anderen Verdacht: Ein chinesischer Tourist hat sich auf der Safari verdächtig benommen, kein Wort geredet und offensichtlich das Gelände ausspioniert. Und ist das Horn eines Nashorns nicht gerade in Asien richtig viel Geld wert?

Dass sich auch diese Hypothese am Ende als etwas zu einfach erweist, sei hier verraten. Die Kinder aber verfolgen sie hartnäckig, und so ist das Buch ganz nebenbei auch eine kleine Lektion über die Macht von Vorurteilen.

Dem krimigeschulten Leser ist vielleicht etwas zu rasch klar, wer der wahre Mörder ist, aber bis die Kinder ihn am Ende stellen, hat er mehr über Afrika gelernt als jeder Tourist auf Safari. "Eish!", würde Thabo sagen. Wow!

Kirsten Boie: Thabo – Detektiv und Gentleman. Oetinger Verlag 2016, 304 S., 12,99 Euro