Welche Spuren hat der Kolonialismus hinterlassen? Dieser Frage widmen wir uns auf der Geschichtsseite in loser Reihe. Eröffnet wurde sie mit einem Überblicksessay (ZEIT Nr. 11/16). Hier schildert der Freiburger Historiker Jörn Leonhard, welche Rolle das Sykes-Picot-Abkommen von 1916 für die Entwicklung des Nahen Ostens spielte.

Manchmal hat die Geschichte Farben. Im Januar 1916 war sie plötzlich rot und blau. Auf den Landkarten des Mittleren und Nahen Ostens, die Diplomaten, Militärs und Geografen in der französischen Botschaft in London ausbreiteten, vermittelten diese Farben Stabilität und Ordnung. Mit Rot und Blau markierten die Experten unter der Leitung von Mark Sykes und François Georges-Picot Anfang 1916 jene Zonen, die man in London und Paris nach dem Ende des Weltkrieges und der Aufteilung des Osmanischen Reiches unter sich festlegen wollte.

Das imperiale Rot war schon vor 1914 zur Farbe des Britischen Empires geworden. Auch die beiden Delegationsführer, Sykes und Picot, waren klassische Vertreter der kolonialen Eliten – erfahren auf den Schauplätzen der Kolonialreiche, egal ob in Südafrika, Asien oder im Vorderen Orient. Vor allem Sykes hatte die Region schon vor 1914 und dann als Mitglied des Bunsen-Komitees bereist, das die britische Regierung in Fragen des Nahen Ostens beriet.

Das Ergebnis des Abkommens war eine Neuordnung, deren Erbschaften nicht nur die Phase zwischen den Weltkriegen prägten, sondern bis in unsere Gegenwart reichen. Die Regionen und Orte, um die es damals ging, begegnen uns heute in den verstörenden Nachrichten aus den Todeszonen Syriens und des Iraks. Und im Sommer 2014 hissten Kämpfer des sogenannten Islamischen Staats Fahnen in syrischen Wüstenregionen, auf denen sie das Ende der 1916 festgelegten Grenzen verkündeten.

Dass es eine solche Grenzziehung geben könnte, war zu Beginn des Ersten Weltkriegs nicht abzusehen: An eine Aufteilung des Osmanischen Reiches wagte im Sommer 1914 niemand zu denken, und noch im Januar 1915 betonten die Außenminister in London und Paris, dass man es als internationalen Akteur stützen müsse. Britische Diplomaten und Militärs befürchteten, dass eine Demütigung des Sultans und Kalifen einen Heiligen Krieg auslösen würde, der auf die muslimische Bevölkerung Indiens übergreifen könnte. Frankreich, das im Osmanischen Reich investiert hatte, baute ebenfalls auf Stabilität.

Der Kriegsverlauf zwang Briten und Franzosen zum Umdenken. Ende Oktober 1914 war Konstantinopel an der Seite der Mittelmächte Deutschland und Österreich in den Krieg eingetreten; 1915 konnte sich das osmanische Militär, anders als erwartet, in der Schlacht von Gallipoli erfolgreich behaupten. Die Blockade des Schwarzen Meeres durch die Mittelmächte wiederum setzte Russland unter Druck, weil der strategisch wichtige Nachschub für die Fronten über die Krimhäfen stockte. Zeitgleich operierten osmanische Kämpfer in Mesopotamien erfolgreich gegen die britisch-indischen Expeditionstruppen.

Als sich die Situation des russischen Verbündeten durch die deutschen Vorstöße im Osten zuspitzte, wuchs die Angst, Russland könne nach einem möglichen Sonderfrieden aus dem Krieg ausscheiden. Der britische Außenminister Edward Grey ließ deshalb im Frühjahr 1915 einen geheimen Vertrag aufsetzen, der Russland erhebliche Gebietsgewinne in Aussicht stellte, falls die Alliierten über das Osmanische Reich siegen würden: Unter anderem sollte das Zarenreich Konstantinopel und das Westufer der Meerengen erhalten. Dafür gewährte Zar Nikolaus Frankreich und Großbritannien freie Hand bei der künftigen Behandlung des Deutschen Reiches. Und er unterstützte französische Forderungen nach Gebieten in Syrien, Kilikien (an der südöstlichen Mittelmeerküste der heutigen Türkei) und Palästina.

Eine Aufteilung des Osmanischen Reiches war fortan beschlossene Sache. Und schon jetzt zeichnete sich ab, dass die Bedürfnisse der mehr als 20 Ethnien im osmanischen Vielvölkerreich dabei keine Rolle spielen würden, sondern primär die strategischen Interessen Großbritanniens und Frankreichs. Diese Tendenz, Gebiete aus machtpolitischen Erwägungen ohne Rücksicht auf gewachsene Bindungen oder die Interessen der ansässigen Bevölkerungen zu verteilen, erinnert durchaus an manche Regelungen des Wiener Kongresses von 1814/15.

Die britische Politik stellte damit auf lange Sicht Weichen für die weitere Entwicklung der Region, die mit dem Sueskanal und Ägypten von fundamentaler Bedeutung für die globale Vernetzung des Empires war. Und nach der bitteren Einsicht, dass der Krieg länger dauern würde als erwartet, suchte man nun auch hier nach Partnern im Kampf gegen die Mittelmächte.