Am anderen Ende der Erde, vor der Küste der indonesischen Insel Sulawesi, liegt eine kleine Welt, die aus Korallen geboren wurde, die von Korallen ernährt und von ihnen beschützt wird. Hundert Inseln, wie zufällig in den blauen Ozean gefallen, bilden den Spermonde-Archipel. Ein Viertel von ihnen ist groß genug, um bewohnt zu werden von Menschen, die Fisch fangen. Und wer keinen Fisch fängt, handelt mit Fisch. Und wer nicht mit Fisch handelt, verkauft Fischernetze.

Schon die Jungen lernen, Tintenfische, Meeresschnecken und Riffbarsche zu fangen, und es ist noch nicht lange her, da war ein Mann names Pak Na’ja noch ein Kind und fuhr zum ersten Mal allein hinaus. Damals wusste er noch nicht, wie das geht. "Was, Pak Na’ja, meinst du mit 'das'?" Er sagt: "Wie man eine Bombe baut. Ich erklär’s dir."

Pak Na’ja ist 34 Jahre alt und lebt auf Pulau Badi, einem Eiland, das man in zehn Minuten zu Fuß überqueren kann. Nicht ganz zweitausend Menschen leben hier in zweistöckigen Wellblechhäusern, so dicht nebeneinander gebaut, dass die Nachbarn zum Plausch ihre Hütten nicht verlassen. Nur den Fußballplatz neben der Schule haben sie frei gelassen. Kanalisation oder Müllabfuhr gibt es nicht. Spermonde hat einige Probleme.

Pak Na'ja, 34, hat früher mit Dynamit gefischt. Heute warnt er davor. © Fritz Habekuß

Mit selbst gebastelten Bomben und mit Gift jagen die Fischer hier in den Riffen. Das ist illegal, auch nach indonesischem Recht, denn es vernichtet die Korallen. Man kann die Zerstörung an vielen Stellen beobachten, trotzdem fährt jeden Morgen eine Flotte von den 25 Inseln hinaus, um sich zu holen, was sie kriegen kann. Die Geschäfte? Laufen gut.

Wie bei jedem Korallenarchipel ist das Wasser um Spermonde nicht tief, circa zwanzig, dreißig Meter an den meisten Stellen. Auf dem flachen Festlandsockel haben sich die Korallen angesiedelt, diese merkwürdigen Chimären aus Tier, Pflanze und Mineral, die ohne Algen nicht überleben könnten, mit deren Hilfe sie ein Kalkskelett aufbauen. Aus diesen Skeletten wuchs über Jahrhunderte ein Riff heran, das ständig von Wellen und Strömungen umspült wird, die hier und dort Stücke aus den Korallen herausbrechen, sie zusammentragen und auftürmen. So wurde einst auch Pulau Badi erschaffen.

Korallenriffe gehören zu den artenreichsten Lebensräumen des Meeres. Wale und Delfine, Meeresschildkröten, Haie, mehr als 1.000 Fischarten, Mantarochen, Seeanemonen leben direkt oder indirekt in den Riffen. Schwer zu glauben, dass diese Verschwendung von Farben und Formen unter den Bedingungen des Mangels entstanden sein soll, doch die tropischen Gewässer sind notorisch arm an Nährstoffen. Die Riffgemeinschaft ringt der Einöde der blauen Wüste trotzig Leben ab, recycelt alles, verschwendet nichts. Prachtlippenfische, Papageienfische, Krokodil-Hornhechte, Kaninchenfische, Panther- und Kugelfische tummeln sich zwischen Acropora- und Nadelkorallen. In vielen tropischen Meeren steht diese einmalige Welt unter Druck – der Klimawandel und zuletzt die Hitze des Wetterphänomens El Niño lassen Korallen überall auf der Erde sterben.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 21 vom 12.5.2016.

Für die Einwohner des Spermonde-Archipels sind Meereslebewesen die einzige Proteinquelle. Für die schnellste Art, satt zu werden, benötigt man das Wissen von Fischer Pak Na’ja. "Du brauchst drei Dinge: Glasflasche, Sprengstoff und Zünder", sagt er, "man füllt den Sprengstoff in die Flasche, steckt den Zünder rein, und fertig ist die Bombe. Dann kann man fischen gehen." Pak Na’ja sitzt im Schneidersitz und faltet die Hände. So einfach. Bombenfischer arbeiten hier in Teams von fünf bis sieben Mann. Explodiert die Bombe im Wasser, zerreißt eine Druckwelle die Organe der Fische. Sie treiben an der Oberfläche oder sinken zu Boden. Dann tauchen die Fischer hinab und sammeln die Beute ein. Auf dem lokalen Markt lassen sich die lädierten Leiber für etwas Geld verkaufen. Barraccung nennen sie das Bombenfischen, "Feuerwerk".