Kunstauktionen schaffen es meist nur dann in die Fernsehnachrichten, wenn wieder einmal ein neuer Rekordpreis erzielt wurde. Zum Beispiel war die Aufregung groß, als im Mai 2015 in New York 179,4 Millionen Dollar für Picassos Les femmes d’Alger von 1954/55 bezahlt wurden – es ist der (noch) gültige Weltrekordpreis für ein Kunstwerk auf einer Auktion.

Solche Multimillionenzuschläge haben mit dem Alltag der hiesigen Auktionshäuser allerdings wenig zu tun. Das Ersteigern von Kunst ist keineswegs nur etwas für Milliardäre oder Millionäre, ein großer Teil des Angebots wird zu Summen im drei- oder vierstelligen Euro-Bereich aufgerufen. So aufgebläht die Preise für manchen Künstler sein mögen, so über die Maßen tief können sie auch fallen, wenn eine Epoche oder ein Teilbereich des Kunsthandwerks nicht im Trend liegt.

In einer Umfrage haben wir Auktionatoren und Experten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz darum gebeten, uns jene Sammelgebiete zu nennen, die sie derzeit für besonders unterschätzt halten. Das Ergebnis ist ein Panorama von Bildern und Objekten aus verschiedenen Jahrhunderten und Ländern. Große und kleine Werke von Künstlern, die gerade im Schatten der angesagten Namen stehen, Prachtstücke, die zu Unrecht die Läden hüten und die man deshalb zu – vergleichsweise – niedrigen Preisen ersteigern kann. Gerade für die Einsteiger ins Kunstsammeln lohnt es sich oft, den nicht ganz so breit ausgetretenen Pfaden zu folgen.

Luxus und Exotik

Während die Millionenzuschläge für chinesisches Kunstgewerbe seit Jahren dafür sorgen, dass sämtliche Objekte chinesischen Ursprungs aus deutschen Wohnzimmern in die Auktionssäle getragen werden, läuft die japanische Kunst eher ruhig und bescheiden mit. Die Zeiten, in denen japanische Sammler die Preise in die Höhe trieben, sind vorbei. Schon vor Jahrhunderten brachten Portugiesen und Niederländer Elfenbeinschnitzereien, Porzellan und kostbare Lacke mit, die hier zum Inbegriff von Luxus und Exotik wurden. Immer wieder ließen sich europäische Kunsthandwerker und Künstler von der Ästhetik Japans inspirieren. Im Barock gaben japanische Lackpaneele Anlass zur Durchbrechung der strengen Symmetrie, später stellten Holzschnitte die Perspektive auf den Kopf. Japanisches Kunsthandwerk in erstaunlicher Qualität und Originalität ist auf dem europäischen Markt in reicher Fülle vorhanden, man muss nur danach greifen. Das abgebildete Inrô, ein Siegelbehältnis aus dem 19. Jahrhundert, wurde für 3.500 Euro zugeschlagen.

Karl-Sax Feddersen ist Mitglied der Geschäftsleitung und Justiziar bei Lempertz in Köln

Von zeitloser Schönheit

Es ist ja das Schöne und Beruhigende, dass die meiste Zeit die meiste Kunst unterschätzt wird. Im Moment zum Beispiel die deutsche Kunst um 1870 – und die um 1970. Also einerseits die tonige Malerei des Leibl-Kreises mit solchen Ausnahmetalenten wie Carl Schuch, Otto Scholderer und Louis Eysen (und selbst das Zentrum des Kreises, der geniale Menschenmaler Leibl selbst, ist noch weit von seiner angemessenen Bedeutung entfernt). Eine zweite unterschätzte Kunst ist derzeit die abstrakte Malerei der späten sechziger, frühen siebziger Jahre in Deutschland. Da gab es in den Leinwänden von Bernd Damke, Rainer Tappeser und vielen anderen eine neue Form von lässiger Eleganz. Und dann entsteht um diese Zeit vor allem das Hauptwerk von Günter Fruhtrunk (1923 bis 1982, die Abbildung zeigt Vert excentrique, 1968, bei der Walter Storms Galerie). Noch immer ist zu wenig im allgemeinen Bewusstsein verankert, was für ein singuläres Œuvre der große Fruhtrunk geschaffen hat – voll klirrender Kälte, störrischem, stolzem Heroismus und mit archaischen Farbdissonanzen von zeitloser Schönheit.

Florian Illies ist Mitgesellschafter des Auktionshauses Grisebach in Berlin

Die Idee der ersten Linie

Ein vielfach unterschätzter Bereich moderner und zeitgenössischer Kunst sind Arbeiten auf Papier. Dabei handelt es sich hier um ein ebenso dankbares wie vielschichtiges, nicht zuletzt auch für Einsteiger besonders interessantes Sammlungsgebiet. Die Preisspanne auf dem Kunstmarkt ist bei Papierarbeiten groß. So ist es jedem möglich, auch Werke namhafter Künstler zu erwerben. Für eine kleine Skizze wird etwa deutlich weniger verlangt als für eine große ausgearbeitete Gouache (das abgebildete Aquarell von Ernst Wilhelm Nay aus dem Jahr 1964 wird auf 22.000 Euro geschätzt). Gerade aber in einer kleinen Skizze kann man unter Umständen den Bildfindungsgedanken des Künstlers nachvollziehen. Eine Idee, die in einer ersten Linie angelegt ist, kann sich in einem späteren musealen Werk wiederfinden. Das macht dieses Sammlungsgebiet ungemein spannend.

Gerda Lenßen-Wahl ist Expertin für moderne und zeitgenössische Kunst bei Nagel Auktionen in Stuttgart