Heute ist ein guter Tag für den griechischen Migrationsminister, denn heute schmeißen sie in Moria keine Steine auf ihn. Beim letzten Mal war das noch anders. Als Ioannis Mouzalas Ende April das Flüchtlingscamp auf Lesbos besuchte, brach im Lager ein Aufstand aus. Flüchtlinge, zu Tausenden seit Wochen eingesperrt, legten Feuer, schrien nach Freiheit und randalierten. Polizei, Tränengas, Festnahmen. Bei Mouzalas’ Blitzbesuch am vergangenen Freitag aber: alles ruhig.

Nach einer halben Stunde im Lager kommt der Minister wieder heraus und spricht vor dem Zaun ein paar Sätze in eine Fernsehkamera. "Wir geben den Flüchtlingen das maximal Mögliche", sagt er. "Ich denke, die Situation hier wird akzeptabler, wenn die Rückführungen in die Türkei als Teil des Deals erst richtig anlaufen."

Die Frage ist, wann das passieren wird.

Seit dem 20. März ist das Abkommen zwischen der EU und der Türkei über die Rücknahme von Flüchtlingen in Kraft. Es war ein historischer Deal, er versprach, die europäische Flüchtlingskrise zu beenden. Die Idee war, dass Flüchtlinge, die nach diesem Stichtag "illegal" aus der Türkei nach Griechenland eingereist sind, in die Türkei zurückgeschickt werden. Wer auf den griechischen Inseln anlandet, soll das griechische Festland gar nicht erst erreichen, sondern an Ort und Stelle Asyl erhalten – oder eben nicht.

Die Nachricht, dass sich die Inseln von Transitzonen in Sackgassen verwandelt hatten, verbreitete sich schnell. Seit Ende März ist die Zahl der Schlepperboote nach Lesbos, Chios oder Samos massiv zurückgegangen. Auf Lesbos etwa kamen im März noch 14.000 Flüchtlinge an, im April knapp 1800, im Mai bislang weniger als 300 (Stand 10.5.). Man könnte daraus ableiten, dass der Deal wirkt. Aber funktioniert er auch?

Die Antwort darauf müsste auf Lesbos zu finden sein. Im Flüchtlingslager Moria, dem größten Hotspot der griechischen Inseln, findet der Praxistest statt. Hier zeigt sich, ob die Europäer es schaffen, das Flüchtlingsproblem gemeinsam zu lösen – oder ob alle wieder nur auf Zeit spielen. Auf dem Papier ist der Plan klar: Asylverfahren sollen nun direkt vor Ort bearbeitet und zügig entschieden werden. Es ist nicht weniger als der Versuch, ein neues Grenzregime in Europa zu errichten.

Bislang scheint es aber nicht effektiv zu arbeiten: Noch wurde kein einziger Flüchtling infolge des neuen Abkommens zurückgeschickt. Stattdessen sind im Lager Moria knapp 3500 Migranten faktisch eingesperrt – an einem Ort, von dem die Verantwortlichen behaupten, dass die Menschenrechte dort eben nicht ausgehebelt, sondern geschützt würden, dank individueller Asylverfahren und sorgfältigster Einzelfallprüfungen.

Tatsächlich hat sich die Lage in Moria nach dem 20. März enorm verschlechtert, weil die meisten Hilfsorganisationen das Camp verlassen haben aus Protest gegen die "widerrechtliche" Festsetzung der Flüchtlinge. Erst nach dem Aufstand Ende April lockerten die Griechen diese Regelung: Die Insassen sollen nach 25 Tagen einen Passierschein bekommen, mit dem sie das Lager tagsüber verlassen können. Man trifft nun einige draußen an, auf der Straße vor dem Camp.

Zum Beispiel einen Mann, der sagt, dass er Youssef heiße und 35 Jahre alt sei. Er komme aus dem Iran und gehöre zu einer verfolgten religiösen Minderheit, den Bahai. Seine Frau sei getötet worden, Youssef floh im Februar nach Europa. Am 21. März wurde er auf Lesbos registriert. Asyl habe er noch nicht beantragen können, sein Interviewtermin sei bereits dreimal verschoben worden, sagt er. Was mit ihm passiert, sei unklar, niemand informiere ihn.

Youssef verbringt die meiste Zeit im Lager damit, für Essen anzustehen, er sagt, man warte bis zu vier Stunden pro Mahlzeit, morgens, mittags, abends, es gebe nur Kartoffeln oder Nudeln ohne Soße in zu kleinen Portionen, selbst die Kinder bekämen nicht genug. Fährt man vom Camp aus einen Hügel hinauf, kann man aus der Ferne von oben in das Lager blicken. Am frühen Abend sieht man dort Menschen in einer Schlange stehen, die weit über hundert Meter lang sein dürfte. Mauern und hohe Zäune mit Stacheldraht umschließen das Gelände.

Man wüsste gern, was dort sonst noch passiert, aber Journalisten haben praktisch keine Chance, das Lager zu betreten. Über tausend Reporter warten seit Wochen auf die schriftliche Genehmigung der griechischen Asylbehörde in Athen. Im Innern von Moria findet in hellgrauen Bürocontainern ein Experiment statt, über das nur wenige und widersprüchliche Informationen nach außen dringen.