Lieber Rod Stewart,

als ich den ersten Hal-Ashby-Film sah, wusste ich, dass ich Filme machen wollte. Als ich das erste Mal Gottschalk beziehungsweise Letterman auf dem Bildschirm sah, begann ich mich für Entertainment zu interessieren. Aber dass Kunst für mich wirklich alles veränderte, geschah nur einmal. Viele Jahre zuvor.

Ich war 15 Jahre alt, als ich Deine Stimme zum ersten Mal im Radio hörte. Der Song war Maggie May vom Album Every Picture Tells a Story. Ich begriff mit einem Mal, dass da draußen, jenseits der Kasseler Stadtgrenzen, eine Welt war, die zu erobern sich lohnte, die vielleicht sogar auf mich wartete. Ich, ein Junge, aufgewachsen ohne Vater, ohne Geld, in einer Stadt, die ich als eng empfand, hörte eine Stimme, die enthusiastisch war, nicht angepasst. Auf A Spanner in the Works, Deiner Platte von 1995, gibt es den Song Muddy, Sam and Otis, eine Hommage an Muddy Waters, Sam Cooke und Otis Redding. "Heard it on the radio on a cold December night, it came burning down the air waves like a Savior’s shining light, all the way from the U.S.A., across the Atlantic far away the magic came." Du weißt also selbst, wie es mir damals in Kassel erging. Dir ging es wohl im grauen London der frühen sechziger Jahre ähnlich.

Du machtest mir Mut. Inzwischen habe ich jede LP, jede CD von Dir gekauft, außer dem unerträglichen Christmas-Album, sieh es mir bitte nach. (Ich habe Dir dafür die American Songbook-CDs verziehen, selbst wenn Du damit zum Sinatra der Neuzeit geworden bist.) Aber mein wirklicher Rod Stewart ist der frühe Rod Stewart. Als Du noch Sänger bei den Faces warst und zuverlässig jedes Konzert in einem Saufgelage und/oder einer Prügelei endete. Die Faces gaben so mancher späteren Punkband eine gewisse Orientierung.

Edgar Selge, der im Hamburger Schauspielhaus in Michel Houellebecqs Unterwerfung brilliert, wurde kürzlich gefragt, ob er den Autor gern einmal kennenlernen würde. Er erwiderte sinngemäß, dass das eigentlich nicht nötig sei, er kenne ihn ja schon durch sein Werk. Mir geht es mit Dir ähnlich. Was sollte ich Dir auch sagen? Nun gut, Du könntest mir ein Bier ausgeben. Immerhin habe ich ja ein wenig zu Deinem Wohlstand beigetragen. Wichtiger ist allerdings: Du hast mein Leben gerettet, als ich jung war. Deine Stimme war mein Savior’s shining light.

Dein Hubertus

Hubertus Meyer-Burckhardt, 59, TV-Produzent und Autor, moderiert mit Barbara Schöneberger die "NDR Talk Show"