DIE ZEIT: Herr Huhn, Margot Honecker ist am vergangenen Freitag in Santiago de Chile gestorben. Sie waren über viele Jahre ihr enger Weggefährte. Haben die Zeitungen recht, die schreiben, sie sei zuletzt eine einsame Frau gewesen?

Klaus Huhn: Nein. Sie hatte in Chile mit vielen Menschen engen Kontakt. Sie besuchte gelegentlich auch öffentliche Veranstaltungen. Ich habe mit ihr jeden Sonntag einen E-Mail-Austausch gepflegt. Ach, sie machte auf mich keinen einsamen Eindruck.

ZEIT: Worüber haben Sie sich in Ihren E-Mails ausgetauscht?

Huhn: Über alles Mögliche! Ich kann es Ihnen vorlesen. Am 27. August 2015 schrieb sie: "Ich war gestern zusammen mit guten chilenischen Freunden und bin erst spät am Abend nach Hause gekommen. Es ist in der Nacht noch lausig kalt, aber der Frühling kommt bestimmt." Oder hier, am 15. Februar 2015: "Tochter und Enkelin sind gerade für ein paar Tage dem heißen Santiago entflohen, ich gönne mir die Ruhe. Die Welt ist teuflisch unruhig."

ZEIT: Wann haben Sie zuletzt von ihr gehört?

Huhn: Das ist einige Wochen her. Da berichtete sie mir: "Die Temperaturen in Santiago bewegen sich zwischen 32 und 37 Grad, man hat zu nichts Lust, man kann kaum denken und atmen. Liebe Grüße Margot." Danach wurde sie krank. Heinz Keßler, der frühere Verteidigungsminister der DDR, hat im April – an ihrem Geburtstag – mit Margot telefoniert. Hinterher sagte er mir, dass sie da schon ziemlich schwach gewesen sei.

ZEIT: Sie waren zu DDR-Zeiten Sportchef des Neuen Deutschland und pflegten gute Beziehungen zur DDR-Staatsspitze. Woher kannten Sie die Honeckers?

Huhn: 1945 begann ich meine Laufbahn als Journalist. Zu der Zeit lernte ich Erich Honecker kennen, er war damals FDJ-Funktionär. Margot, die seinerzeit noch Feist hieß, war bei den Jungen Pionieren. Die Bekanntschaft mit den beiden hat Jahrzehnte überstanden. Nachdem die Honeckers Anfang der neunziger Jahre nach Chile ins Exil gegangen waren, habe ich Kontakt zu ihnen gehalten. Speziell für Margot war ich der Ansprechpartner in Deutschland.

ZEIT: Hatte Margot Honecker denn noch viele Bekannte in Deutschland?

Huhn: Sie hat viele Briefe bekommen und die meisten auch beantwortet. Allerdings verzichtete sie auf zu viel Öffentlichkeit. Wenn jemand ein Interview mit ihr wollte, hat sie denjenigen an mich verwiesen – und ich habe ihr dann geraten: Mach es, oder mach es nicht. Einige Medien haben wahnsinnige Summen geboten, aber Margot sagte im Grunde immer Nein – oft auch dann, wenn ich ihr zugeraten hatte. Bei Hape Kerkeling zum Beispiel.

ZEIT: Der wollte ein Interview mit ihr?

Huhn: Ich habe genug dazu gesagt.

ZEIT: Wie viele Interview-Angebote hat Frau Honecker bekommen?

Huhn: Ich würde sagen: So etwa 20 im Jahr.

ZEIT: Wie erklären Sie sich, dass so viele ein Gespräch mit ihr wünschten?

Huhn: Es ist auffällig, dass viele Menschen und Journalisten auch mehr als 25 Jahre nach 1989 glauben, sich an der DDR abarbeiten zu müssen. Dieser Anti-DDR-Kurs hört nie auf. Es ist schwer zu erklären.

ZEIT: Aber Sie werden das doch wohl verstehen: Das Bedürfnis, so etwas wie Reue von Margot Honecker zu hören, war sehr groß.

Huhn: Ach – die Reue, die Sie meinen, die galt nie für sie.

ZEIT: Welche Reue galt für Margot Honecker?

Huhn: Darauf kann ich nicht antworten. Aber sie sollte als Repräsentantin des Bösen herhalten. Das war ungerecht.