Aus den Vereinigten Staaten gelangt momentan eine Erzählung nach Deutschland, die begierig aufgesogen wird. Es ist die Erzählung vom wütenden weißen Mann, der sich abgehängt fühlt. Er wohnt in Iowa, Kentucky oder einem anderen Bundesstaat in den Weiten Amerikas. Er hat wenig Geld, noch weniger Hoffnung, hasst Veganer, Ausländer und Feministinnen und bewundert Donald Trump. Er ist die Hauptperson in vielen Berichten über die schrumpfende amerikanische Mittelschicht. Sein Drama ist, dass es weniger klassische Industriejobs gibt, mit denen sich ein bürgerliches Leben mit Haus und Familie finanzieren lässt.

Von solchen frustrierten Verlierern wird man bis zur Präsidentschaftswahl noch häufiger hören. Und es wäre ein Wunder, wenn hierzulande dann nicht noch mehr Fernsehteams nach Duisburg-Marxloh oder Mannheim-Jungbusch ausschwärmen, um die wütenden Männer dort zu befragen. Ähnlichkeiten zwischen Wählern der Alternative für Deutschland (AfD) und Trump-Bewunderern scheinen auf der Hand zu liegen. Eine passende Statistik hat gerade das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung vorgelegt. Danach wird auch in Deutschland der Anteil von Menschen mit einem mittleren Einkommen abnehmen.

Sorgen machen sich auch jene, die eigentlich zufrieden sein könnten

Weil derzeit aus kleinen Nachrichten schnell große Emotionen werden, lohnt sich ein genauer Blick auf die untersuchten Entwicklungen. Dabei stellt sich heraus: Die These von der schwindenden Mitte stimmt für Deutschland nicht ganz. Für den deutschen Wutbürger passt eine andere Diagnose.

In Deutschland hat sich der Arbeitsmarkt anders entwickelt als in Amerika. Die Industrie hat die Finanzmarktkrise gut überstanden. Die Löhne stagnierten zwar ein paar Jahre, zuletzt aber sind sie in fast allen Bereichen gestiegen. Die Zahl der Arbeitsplätze wächst von Jahr zu Jahr.

Die Warnungen vor einem Schwinden der Mittelschichtsjobs erklären sich vor allem durch den eingeschränkten Blick vieler Experten. Sie blenden die vielleicht schwerwiegendste Arbeitsmarktveränderung seit dem Mauerfall einfach aus: Die Zahl der berufstätigen Frauen ist allein in den vergangenen zehn Jahren um mehr als eine Million gestiegen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 21 vom 12.5.2016.

Die meisten dieser Frauen haben keine hoch bezahlten Arbeitsplätze. Manchmal ist das sehr unfair, oft aber auch nicht. Vor allem Mütter wollen meistens keine volle Stelle, das zeigen Umfragen eindeutig. Lebenssituation, Bezahlung und Absicherung dieser Frauen mögen nicht ideal sein. Aber sie sind doch besser als die von ehemaligen Industriearbeitern, die einen sozialen Abstieg verkraften müssen.

In den Statistiken erscheinen diese Frauen gleichwohl als Geringverdienerinnen. Und weil es so viele von ihnen gibt – Deutschland ist Teilzeit-Weltmeister –, nimmt in der Jobstatistik der relative Anteil der mittelprächtigen Jobs langsam ab. Anders als in Amerika ist das in Deutschland aber kein Alarmsignal. Der typische Industriearbeiter hat heutzutage eben keine Hausfrau, sondern eine Teilzeitkraft an seiner Seite.

Woran also liegt es dann, dass in Umfragen so viele Menschen eine steigende soziale Ungleichheit feststellen und kritisieren? Offenbar machen sich selbst diejenigen Sorgen, die persönlich zufrieden sein könnten. Eine Erklärung lautet, dass man heutzutage für Geld mehr kaufen kann als früher: Zeit, Schönheit oder Gesundheit beispielsweise. Es gibt mehr Dienstleistungen, etwa für Eltern, und mehr Fitnessangebote. Selbst die Chancen, eine Familie zu gründen, sind in Zeiten von Auslandsadoptionen und Leihmüttern mitunter eine Frage des Kontostands.

Hinzu kommt, dass Menschen es zunehmend als individuelles Versagen empfinden, wenn sie nicht beruflich erfolgreich sind. Theoretisch hat ja jeder unzählige Entwicklungsmöglichkeiten. Die Menschen erwarten mehr von sich. Es gibt weniger Ausreden als früher, wenn jemand seine Ziele nicht erreicht.

So steigt die Unzufriedenheit, auch wenn die statistisch messbare Ungleichheit fast unverändert ist. In Deutschland gibt es momentan weniger Arbeitsmarktverlierer als in Amerika, aber nicht unbedingt weniger Angst vor Abstieg und Stagnation.

Die Mittelschicht wird nicht kleiner, aber sie reagiert gestresst.

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