Am Anfang steht ein Gefühl, ein Erleben von Mangel, von Ungenügen, von Nicht-genug-Sein. Es geht um eine Situation, in der sich der Einzelne seiner grenzenlosen Unzulänglichkeit bewusst wird – den "Sturz ins Nichts". Das ist die Zustandsbeschreibung, von der Sven Hillenkamp in seinem Buch Negative Moderne ausgeht.

Es dreht sich also um eine Erfahrung, nicht eine individuelle wohlgemerkt, sondern eine gesellschaftliche. Hillenkamp will kein Selbsthilfebuch schreiben und auch nicht als Psychiater tätig werden. Wie seine soziologischen Vorbilder – Émile Durkheim, Ulrich Beck, Alain Ehrenberg, Eva Illouz – glaubt er, dass die Psychologie uns nicht recht erklären kann, wo das Elend unserer Zeit herkommt. In der Tat: Analog zum Hammer, der überall nur Nägel erkennt, sieht eine zur Naturwissenschaft gewordene Psychologie immer nur Chemie, Evolution, im besten Fall noch kaputte Kindheiten. Der Soziologe stattdessen sieht Gesellschaft.

Anders als seine Vorbilder will Hillenkamp aber die gesellschaftliche Ordnung des modernen Leidens durch das Leiden selbst erkunden. Er beschreibt also nicht moderne Arbeitsweisen und Institutionen und auch nicht die kulturellen Diskurse, die uns bestimmen. Er analysiert die Logik des Erlebens. Wie wird die Zeit, wie werden die anderen Menschen und wie wird das Selbst innerhalb moderner Lebenswirklichkeit erfahren?

In den sozialen Verhältnissen, die andere Denker als individualisiert, als marktförmig und beschleunigt beschrieben haben, sei der moderne Mensch im eigenen Erleben gerade nicht der rasende Egozentriker im Supermarkt der Möglichkeiten. Modern ist nach Hillenkamp der passive Stubenhocker, unstillbar hungrig nach dem Zuspruch des anderen, verwiesen auf die innere Leere.

Keine der Thesen im Buch ist der Kulturkritik ganz neu. Es ist eher die Sensibilität und Genauigkeit in der Beschreibung, die Hillenkamps Deutung auszeichnen. So entstehe unter den Bedingungen moderner Gleichheit und Freiheit eine Erfahrung der persönlichen Wertlosigkeit. Sei der Einzelne erst mal aus allen Ständen, Klassen und Traditionen entlassen, könne er seinen Selbstwert nur noch in der unsteten Anerkennung des alltäglichen Anderen finden. Subjektiv werde die Moderne zudem nicht als beschleunigt, sondern als träge empfunden. Gerade durch die Norm der Dynamik und eine entstrukturierte Zeit erlebe man die privaten Projekte als im Stillstand, die Lebensziele als uneinlösbar, die kleinsten Aufgaben als ewig aufgeschoben. Auch die Selbstbeziehung sei gestört. Wenn man als Künstler, als Student, als Kreativer seine Innerlichkeit zur Ressource machen müsse, dann erlebe man die natürliche Leere jedes Menschen, der doch immer nur "Drehtür aus der und zur Welt" sei. Sehnsüchtig erleide man im Handeln die Unendlichkeit anderer Menschen, anderer Karrieren, anderer Partner, für die man sich hätte entscheiden können. Schamvoll erlebe man die Möglichkeit, alles bis ins Grenzenlose zu steigern, zu verbessern.

Negative Moderne ist das zweite Buch einer geplanten vierbändigen Reihe über die Dialektik moderner Freiheit. Auch im ersten Band Das Ende der Liebe widmete Hillenkamp sich einer Art Phänomenologie der Gegenwart und analysierte die Liebeserfahrung unserer Zeit. Leider verzichtet der Autor auf eine präzise historische Einordnung und ist auch an "Quantifizierung nicht interessiert". Ist es die Freiheit der Moderne insgesamt, die alles entwertet, oder doch nur die spätmoderne Kreativkultur? Hier offen zu bleiben mag das Privileg des philosophischen Essays sein, steht aber dem eigentlichen Anspruch im Weg, eine gesellschaftliche Erklärung des sozialen Leidens zu liefern.

Sven Hillenkamp: Negative Moderne. Moderne Strukturen der Freiheit und der Sturz ins Nichts
Klett-Cotta, Stuttgart 2016; 384 S., 24,99 €