Die beiden Mädchen gehen am Bach entlang, der in seiner Betonschlucht durch das Dorf strudelt. Sie gehen auf der Straße, die aus dem Dorf herausführt, in die Felder, sie sind auf dem Weg zum Spargelbauern. Die Mutter schickt sie. Die Mädchen wissen nicht, dass die mütterliche Spargellust im Dorf beäugt wird. Es ist etwa 1955, gerade mal zehn Jahre nach dem Krieg, und es gibt vieles, was die Schwestern nicht wissen. Plötzlich sind hinter ihnen Kinder, eine ganze Rotte von Kindern, sie rennen heran, schließen schnell auf, hüpfen um sie, die Kinder johlen, schreien: "Ihr seid evangeeeeelisch! Ihr seid evangeeelisch!!" Gellendes Höhnen.

Ich erinnere den Schock. Die Angst, den Schmerz des Gebrandmarktwerdens, das Herzrasen, vor allem erinnere ich mich an meine Verwirrung. Ich flüsterte meiner Schwester zu: "Tista, was heißt evangeeelisch?" Sie: "Komm! Weiter!"

Evangelisch also? In einem katholischen Dorf. Im tiefsten Rheinland! Mitten in Flerzheim ragte der Turm von St. Martin, 53 Meter hoch, man sieht ihn von überall, auch draußen in den Feldern. Die Kirche taktete das Leben. Morgens riefen die Glocken zur Frühmesse, die Arbeiter kamen vom Feld, wenn es mittags läutete, wenn es zur Abendvesper bimmelte, schlurften die Kühe vorbei. Sonntag war, wenn man vormittags auf nackten Holzbänken kniete. Die Kirche war unerbittlich und zugleich orientalisch opulent. Im Frühjahr verwandelten sich die Straßen in schimmernde Blumenmuster aus Pfingstrosenblüten und Stiefmütterchen, darüber wurde in einer goldenen Monstranz der Leib des Herrn getragen. Im Winter warf sich einer der Bauern ein rotes Tuch um und galoppierte hoch zu Ross als St. Martin über das Kopfsteinpflaster.

Auf all das war ich sehr stolz. Ich kniete vor dem Kardinal, als er zu Besuch kam, und küsste den vogeleigroßen grünen Juwel an der Altmännerhand. Wir hatten gelernt, dass Demut zu St. Blasius vor Halsschmerzen schützt. "Womit soll der liebe Gott sich wohl noch befassen?", spottete meine Mutter. Meine Mutter war evangelisch, nicht wir.

Ich war, was der Pfarrer einen "Mischling" nannte. Die Familie des Vaters war "stinkkatholisch", wie meine Mutter zu sagen pflegte. Meine Mutter war schlimmer als eine Heidin. Heiden wissen ja nichts vom rechten Weg. Der Pfarrer verteilte Broschüren, in denen vom Leiden der Katholiken in der Diaspora erzählt wurde. Diaspora war, wo Oma und Opa wohnten. Hannover! Da gingen wir in den Herrenhäuser Gärten spazieren, wo Fontänen nackte Krieger umsprühten.

In meiner Familie wurde seit Generationen je ein Kind der Kirche geweiht. Der Onkel meines Vaters hatte es so zum Domprälaten in Köln gebracht. In seinen ledergebundenen Schinken pflegten wir die Holzschnitte von der Folter der Heiligen zu betrachten (Sieden, Häuten, Verbrennen). Wir besuchten Tante Anna in Maastricht im Kloster, von der wir nur das Gesichtlein sahen, das aus einem schwarzen Gewand guckte, das hinter einem dreifachen Eisengitter (Scherengitter und dazwischen Stangen) drapiert war. Mein Vater, ein Jesuitenzögling, hatte sich allerdings geweigert, Priester zu werden. Und meine Mutter geheiratet. Eine aus Hannover.

Wir Kinder wurden getauft, wir gingen zur Kommunion, wir beteten morgensmittagsabends, wir waren auf einer Klosterschule. Aber was nützte es? Als die Religionsschwester berichtete, wie man merkt, dass Gott einen zur Nonne beruft (Erstens: Man weiß, er will einen. Alternativ: Man fühlt in sich einen Widerwillen dagegen), litt ich nächtelang Höllenqualen, weil ich mich vor dem Feuer fürchtete, in dem ich verbrennen würde, weil ich mich meines Widerwillens gegen ein Nonnen-Leben nicht erwehren konnte.

Später war meine Schule Vorreiter im ökumenischen Religionsunterricht. Aber das erreichte mich nicht mehr.