DIE ZEIT: Herr Schorlemmer, wann haben Sie sich zuletzt über die Katholiken so richtig geärgert?

Friedrich Schorlemmer: Als ein Priester das Gesicht verzog, weil ich ihm sagte: Jetzt haben wir alle einen Papst! Da merkte ich: Wir sind keine Freunde.

ZEIT: Inwiefern?

Schorlemmer: Es gibt Katholiken, die nur darauf warten, dass dieser Papst Franziskus bald wieder weg ist. Ich aber hoffe, dass er noch lange bleibt und uns seine Spontaneität, seine Lebensfreude und Barmherzigkeit vorlebt. Er geht dorthin, wo es stinkt. Er tadelt die Leute nicht, sondern wäscht ihnen die Füße: keinen vorgewaschenen Statisten, sondern echten Obdachlosen. Wenn der Mann auf dem Stuhl Petri so etwas macht, kann ich mich über Rom überhaupt nicht mehr ärgern. Da freue ich mich, dass ein wirklicher Christ unsere Welt-Kirche repräsentiert.

ZEIT: Sehen die Protestanten in Ihrem Umfeld das auch so?

Schorlemmer: Manche tadeln mich, ich sei Papst-besoffen. Ich sage: Nein, ich bin Papst-begeistert! Die zwölf Jünger Jesu, die zu Pfingsten zusammenkamen, wurden ja auch für besoffen gehalten, aber sie waren nur vom Heiligen Geist erfüllt. Ich habe lange auf einen Kirchenführer wie diesen argentinischen Kardinal aus den Slums gewartet.

ZEIT: Kennen Sie einen vergleichbaren Protestanten?

Schorlemmer: Die Fröhlichkeit und der Tiefgang, mit denen unser Ratsvorsitzender Heinrich Bedford-Strohm sein Amt ausübt, gefallen mir. Der Papst ist noch beherzter. Er sagt freiheraus, dass Katholiken sich nicht vermehren müssen wie die Karnickel. Da schreien alle auf: So etwas darf ein Papst nicht sagen! Doch. Er verkörpert nicht nur ein Amt, er ist auch ein Mensch, also fehlbar. Wir Christen müssen begreifen, dass wir die Wahrheit nicht mit Löffeln gefressen haben. Auch wir suchen nur den Weg zur Wahrheit.

ZEIT:Martin Luther konnte deftig urteilen. Zweifelte er auch mal an sich?

Schorlemmer: Ja, aber nicht nur an sich, sondern an seiner ganzen Kirche! Mit seinen 95 Thesen wollte er die Wahrheit ergründen und nahm die Aufklärung vorweg, indem er uns zeigte: Die Wahrheit gibt es heute im Plural! Wer nur auf seine eigene pocht, den müssen wir fürchten.

ZEIT: Warum sind evangelische Christen nicht erpicht auf einen Papstbesuch in Deutschland?

Schorlemmer: Sie fürchten, dass er uns die Schau stiehlt. Dass die katholische Kirche so tut, als sei sie die einzig wahre. Da wir kein anderes Evangelium, sondern das Evangelium nur anders verkünden, habe ich keine Angst, die Katholiken könnten uns erdrücken.

ZEIT: Sind die Protestanten Abtrünnige, die in die Una Sancta zurückkehren sollten?

Schorlemmer: Nein, wir müssen nicht zurück, sondern gemeinsam voran. Nebenbei sollten wir auch mal dankbar sein für einen Waldspaziergang im Mai, nicht nur um ein neues Waldgesetz kämpfen. Denn die Welt ist schrecklich und schön. Sorge, Fürsorge und Dankbarkeit gehören zusammen.

ZEIT: Sie haben gerade ein Buch geschrieben mit dem Titel Unsere Erde ist zu retten, darin loben Sie ein ganzes Kapitel lang Franziskus für seine grüne Enzyklika. Warum?

Schorlemmer: Er drückt das Politische und das Spirituelle unverkitscht aus, das gefällt mir. Zu dem eingangs erwähnten Priester habe ich gesagt: Wenn ich Sie wäre, würde ich nur noch alle vierzehn Tage eine Predigt halten und dazwischen aus den Büchern von Franziskus vorlesen. Er sieht uns als Gäste auf dieser Erde und lehrt uns nicht nur Rücksichtnahme, sondern die eigene Endlichkeit zu bejahen.