Es ist das Jahr 2000, als Paul Achleitner sein erstes Fiasko mit der Deutschen Bank erlebt. Eigentlich läuft alles gut, fantastisch sogar. Würde Deutschland einen Superstar in der Finanzwirtschaft suchen, der Österreicher wäre die erste Wahl. Er hat die führende Wall-Street-Bank Goldman Sachs im Land etabliert, hat in ihren Diensten Unternehmen für die Treuhand verkauft, die Telekom an die Börse gebracht, Thyssen und Krupp zusammengeschweißt. Seine Leute haben Daimler die Hand gehalten bei der "Hochzeit im Himmel" mit Chrysler.

Dann wechselt der bekannteste Dealmaker der Republik in den Vorstand der Allianz. Er soll den Versicherungsriesen aus dem Netz der Deutschland AG befreien, also seine Anteile an anderen Konzernen verkaufen – und sich zuallererst um die richtungslose Dresdner Bank kümmern, an der die Allianz mehr als 20 Prozent hält.

Was die Aufgabe erschwert: Die Allianz will die Bank zwar loswerden, braucht aber ein Netz von Bankfilialen, um Kunden zu gewinnen. Das gilt umso mehr, weil sie groß ins Boom-Geschäft mit der Vermögensverwaltung einsteigen will. Ausweglos? Nicht für Paul Achleitner. Er verfolgt die Königsoption: eine Verschmelzung der Dresdner mit der Deutschen Bank. Und innerhalb weniger Wochen erreicht er in Geheimverhandlungen alles, was sein neuer Arbeitgeber sich wünscht. Die Allianz beteiligt sich an der Filialtochter des neuen Riesen und nutzt sie für ihren Vertrieb, so der Plan. Und sie übernimmt als Basis für ihr Vermögensgeschäft die Fondsgesellschaft der Deutschen Bank.

Ein Wunderdeal. Nur leider etwas zu gut, um wahr zu sein. Ein Warnzeichen ist, dass die Börsenkurse der beiden Banken sinken, als der Plan bekannt wird – und der Allianz-Kurs nach oben springt. Was schlimmer ist: Während die führenden Herren der Deutschen Bank bei einer Klausur am Tegernsee witzeln, ihnen gehe es vor allem um die Kunstwerke in der Zentrale der Dresdner, und während sie noch überlegen, wie sie den neuen Kollegen das Rauchen abgewöhnen, machen ihre Investmentbanker in London Front gegen den Plan. Mit denen nicht, ist die Devise. Am Ende muss die Dresdner Bank fürchten, dass von ihr nichts übrig bleibt, und sie bricht die Fusionsgespräche ab.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 21 vom 12.5.2016.

Die Ereignisse von damals führen direkt zur heutigen Krise der Deutschen Bank – und zu der von Paul Achleitner. Nachdem es nichts wurde mit der deutschen Großbank von Weltrang, setzte die Deutsche aus eigenen Kräften alles auf Wachstum. Dafür zog sie das Eigenkapital dünner und dünner und ließ ihren Investmentbankern so viel Freiheit, dass ein Gefühl von "Alles ist erlaubt" entstand. Zinsen wurden manipuliert, Steuer- und Bilanzregeln gedehnt, interne Kontrollsysteme nicht weiterentwickelt. Das rächt sich heute. Während die amerikanische Konkurrenz nach dem großen Crash von 2008 gesundet ist, schlingert die Deutsche Bank von einer Schreckensnachricht zur nächsten. Von Russland über Großbritannien und Italien bis in die USA ziehen sich die Verfahren, die Kapitaldecke ist dünn, die Strategie vage. Und mittendrin steht Paul Achleitner, der in diesem Jahr 60 Jahre alt wird.

Der Zorn über den Niedergang der Bank gilt nun ihm. Er steht in der ersten Reihe

Seit 2012 ist Achleitner Aufsichtsratschef der Deutschen Bank, und wieder erlebt er ein Drama mit dem Frankfurter Geldhaus, nur diesmal ein persönliches. Erst war er nur der erfahrene, ausgleichende Aufseher, der dem indischstämmigen Investmentbanker Anshu Jain und seinem deutschen Co-Chef die Hände hielt bei der Führung der Bank. Doch dann besetzte er zunächst den Aufsichtsrat und schließlich auch den Vorstand um. Der neue Vorstandschef, der Brite John Cryan, ist seine Wahl. Und auf einmal ist der unprätentiöse Paul Achleitner, der mit einer Mischung aus Verbindlichkeit, Witz und Härte in der Sache die tollsten Deals aushandeln konnte – auf einmal ist er selbst einem perfekten Sturm von Kritikern und Medien ausgesetzt. Der Zorn über den Niedergang der Bank gilt nun ihm, er steht in der ersten Reihe. Ganz Wirtschaftsdeutschland schaut zu und fragt, ob er das durchstehen kann und will. Aber wer ist dieser Paul Achleitner eigentlich?