Kopftuch-Debatte, Minarett-Debatte, "Gehört der Islam zu Deutschland?"-Debatte, "Darf man den Propheten beleidigen?"-Debatte ... Deutschland beschäftigt sich derzeit so bierernst mit der Integration der (Noch-)Nicht-Deutschen von der anderen Seite des Mittelmeers, dass wichtige Fragen dabei völlig untergehen: Kann der Muslim außer beten eigentlich auch lachen? Gibt es da unten – also bei den Ägyptern, Iranern, Saudis, Syrern, Libanesen, Irakern – überhaupt etwas zu lachen? Kühn formuliert: Gibt es Satire in der islamischen Welt? Die kurze Antwort lautet dreimal Ja. Für die längere könnte man bei den arabischen Spottversen aus dem frühen Mittelalter ansetzen. Die waren oft anzüglich, aber nie so genital fixiert wie Jan Böhmermanns Schmähgedicht über den türkischen Präsidenten Erdoğan. Und sie richteten sich meist gegen den eigenen Machthaber. Was für den Dichter häufig tödlich endete.

Der Einfachheit halber beschränken wir uns jedoch auf die Gegenwart und beginnen in dem Land, das wirklich nicht in dem Ruf steht, lustig zu sein: Saudi-Arabien. Nasser al-Kasabi heißt der Mann, der seit Jahren die Grenzen der Satire im wahhabitischen Königreich testet. Für seine Satire gegen den IS erhält er Todesdrohungen, für seine Verspottung der Polygamie den Zorn des religiösen Establishments. In einem seiner Sketche überlegt eine Frau, welchen ihrer vier Ehemänner sie vor die Tür setzen soll, um ein fünftes Mal heiraten zu können. Warum darf der das in einem Land, in dem andere für ähnlich systemkritische, aber ernstere Töne zu 1.000 Stockhieben verurteilt werden wie etwa der Blogger Raif Badawi? Weil Al-Kasabi hohe Einschaltquoten und als Komiker eine gewisse Narrenfreiheit hat. Und weil die Zensoren des Königreichs wissen, dass die überwiegend junge Bevölkerung zwischen Dschidda und Riad irgendwo Dampf ablassen muss. Zumal gerade in Saudi-Arabien dem Fernsehen ein mächtiger Konkurrent erwachsen ist: YouTube ist das bevorzugte Medium einer Generation junger Komiker, deren Videos über bizarre Fatwas, das Fahrverbot für Frauen oder die Faulheit ihrer ölverwöhnten Landsleute millionenfach angeklickt werden. Allerdings schlägt die Zensur unerbittlich zu, sobald die Königsfamilie aufs Korn genommen wird. Spätestens da hört der Spaß auf.

Sich über den "Islamischen Staat" lustig zu machen ist auf arabischen Bühnen und in den sozialen Medien inzwischen ein Volkssport. Bei Amateurvideos, in denen sich Dschihadisten bei der Enthauptung eines "Ungläubigen" zu blöde anstellen, ein Todesurteil zu verlesen oder die Kamera einzuschalten, bleibt manchem verständlicherweise das Lachen im Hals stecken. Aber wenn man dann doch losprusten muss, stellt man verblüfft fest: Es wirkt befreiend.

Gleiches gilt für den Hit der libanesischen Band Al-Rahel Al-Kebir über den "Kalifen" des IS, Abu Bakr al-Bagdadi. Der, so der Text, löse in seiner göttlich inspirierten Weisheit das Problem der Überbevölkerung durch Autobomben und halte angeblich sogar den Anblick von Tiereutern für unsittlich. "Oh Herr Abu Bakr al-Bagdadi, der du nach Gottes Gesetzen regierst", singen sie, "... wäre ich eine Kuh, ich trüge einen BH."

Dazu muss man sich jetzt das Gesicht der verkörperten islamischen Humorlosigkeit vorstellen. "Im Islam gibt es keinen Spaß!", hatte der iranische Religionsführer Ruhollah Chomeini einmal gesagt, an dessen Miene vermutlich alle Gags abprallten. Nicht jedoch dumpfe Herrenwitze. Das behauptete im Jahr 2013 jedenfalls seine Enkelin. "Hey, Revolutionsgardisten! Heiratet die Witwen unserer Märtyrer", soll der Ajatollah während des Krieges gegen den Irak in den achtziger Jahren gesagt haben, als Tausende junger Iraner mit einem Plastikschlüssel fürs Paradies um den Hals in die feindlichen Linien geschickt wurden. Um dann grinsend hinzuzufügen: "Ich wünschte, ich wäre auch ein Revolutionsgardist." Inzwischen hat sich die Enkeltochter von dieser Anekdote distanziert.