Stellen Sie sich vor, Sie kommen morgens ins Büro. Sie schalten Ihren Computer ein, dann setzen Sie ein Headset auf und positionieren das Mikrofon an Ihre Lippen. Eine Stimmerkennungssoftware analysiert den Tag über Ihre Stimme, ob sie fest oder brüchig ist. Eine Kamera führt mehrmals täglich einen Iris-Scan durch, um festzustellen, ob Sie müde sind oder Drogen konsumiert haben. Und ein Fitnesstracker misst ständig Ihren Pulsschlag und Ihre Bewegungen. Die Daten werden in Echtzeit an Ihren Vorgesetzten geschickt. Was nach einer Dystopie oder einem düsteren Science- Fiction-Film klingt, ist in einigen Büros Realität.

An einem Montagmorgen im Januar dieses Jahres entdeckten die Redakteure der britischen Tageszeitung The Telegraph, dass unter ihren Schreibtischen Plastikboxen befestigt waren. Die Geräte der Herstellerfirma OccupEye waren am Wochenende zuvor in Newsroom und Anzeigenbüros der Zeitung installiert worden. Offiziell zur "Sammlung von nachhaltigen Umweltdaten". Doch die ultrasensiblen Sensoren sollten anhand der Wärmeentwicklung und Bewegungsabläufe die Anwesenheit der Angestellten kontrollieren. Die Ergebnisse geben den Vorgesetzten eine vollständige Übersicht über die Präsenz jedes Mitarbeiters. Nachdem die Überwachung publik wurde, wurden die Geräte vom Arbeitgeber entfernt – der Skandal schlug trotzdem Wellen.

Noch mehr Daten lassen sich mit sogenannten Wearables sammeln: Geräten mit Sensoren, die man unmittelbar am Körper trägt, zum Beispiel Armbändern. Damit stattete die britische Supermarktkette Tesco ihre Warenhausmitarbeiter aus, um zu sehen, wie viel sie arbeiten. Führungskräfte überprüften, ob die Aufträge in der vorgegebenen Zeit erledigt wurden. Tesco behauptete, das würde die Produktivität steigern – ein rhetorischer Trick. Denn in Wirklichkeit wird unter dem Deckmantel der Optimierung ein Kontrollsystem ins Werk gesetzt.

Der Energiekonzern BP hat im vergangenen Jahr unter seinen Mitarbeitern 25.000 Fitnessarmbänder von Fitbit verteilt, die Herzfrequenz, Schrittzahl und Schlafverhalten auswerten. Im Rahmen eines freiwilligen Programms können sich die Mitarbeiter vermessen lassen. Wer mehr als eine Million Schritte im Jahr läuft, bekommt einen Beitragsrabatt bei seiner Betriebskrankenkasse. Auch die Daimler BKK versucht Mitarbeiter mit solchen Belohnungsprogrammen zu mehr Fitness zu bewegen.

Aus Sicht von Datenschützern werfen all diese Beispiele Fragen auf: Werden die Daten anonymisiert und aggregiert verwendet – oder sind sie auf Individualebene auslesbar? Wer hat Zugriff auf die Daten? Darf der Chef wissen, wer sich wann wie viel bewegt?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 21 vom 12.5.2016.

Wie akut diese Fragen sind, zeigte im vergangenen Jahr ein Artikel in der New York Times, wonach die Angestellten in Amazons Logistikzentren auf Schritt und Tritt verfolgt werden, um zu überprüfen, ob sie ausreichend Pakete packen. Ein ehemaliger Marketing-Mitarbeiter sagte, der Konzern würde auch seine Büromitarbeiter einem "Leistungs-Verbesserungs-Algorithmus" unterwerfen. Auch die Gewerkschaft ver.di erhob 2015 Vorwürfe gegen Amazon: Ein internes Dokument sollte belegen, dass die "Inaktivität" eines Mitarbeiters während der Arbeitszeit minutengenau festgehalten wurde. Amazon bestritt das.

In der Finanzwelt sollen neue Technologien Mitarbeiter sogar vor dummen Entscheidungen bewahren. Die US-Investmentbank JP Morgan Chase hat eine Software getestet, die Daten über Investmententscheidungen sammelt und diese mit Informationen über geschwänzte Schulungen und Hinweisen auf besondere Risikofreude kombiniert. So sollen lückenlose Profile entstehen, die das "Risiko Mitarbeiter" beherrschbar machen sollen.