Vier Meter über meinem Kopf macht die Kokospalme einen Knick. Immerhin, denke ich. Ab da wird es einfacher. Ich lege eine Hand um den Stamm, er fühlt sich rau und splissig an. Brauche ich nicht eine Machete? Hajja lacht so heftig, dass die neongrünen Punkte auf ihrem Kopftuch zittern. "Das ist Kitsch", sagt sie, ich solle die Kokosnüsse einfach abdrehen. Ich stemme meinen nackten Fuß gegen die Palme, halte noch mal inne: Wie viele Nüsse brauchen wir? Hajja grinst und fuchtelt mit den Händen, als sei ich eine Fliege, die sie verscheuchen wolle.

Hajja, 41, hat diese "Anfängerpalme" für mich ausgesucht. Ihr gehört eines von 22 Guesthouses auf Thulusdhoo, einer kleinen, von Einheimischen bewohnten Insel der Malediven. Bis vor Kurzem hätte ich Hajja nicht kennenlernen, geschweige denn Palmen mit ihr abernten können. Jahrzehntelang hatte die Regierung der Malediven Touristen und Bevölkerung streng voneinander abgeschottet, um das muslimische Volk nicht dem westlichen Lebensstil auszusetzen: hier die 116 Luxushotel-Inseln mit Schweinefleisch und Bikinis und Alkohol, die außer Personal kein Malediver betreten durfte. Dort die 188 Einheimischen-Inseln mit Fischern und Moscheen und Kokosnusspflückern, zu denen Touristen keinen Zutritt hatten. Dazwischen gletschereisbonbonfarbenes Wasser und Hunderte unbewohnter Inseln. Vor ein paar Jahren kam der Umschwung. Präsident Mohamed Nasheed, ein Reformer, öffnete die Einheimischen-Inseln. Das Geld der Touristen sollte endlich auch bei der Bevölkerung ankommen. Seitdem haben auf 80 der Inseln mehr als 330 Unterkünfte eröffnet, vom Viersternehotel mit Spa bis zum Gästezimmer mit Familienanschluss.

Als ich im Winter davon erfuhr, träumte ich von einer Art Malediven-plus-Urlaub: einerseits dieselbe Postertapetenwelt, wie sie die Luxustouristen genießen – die Füße in mehlfeinen Sand stecken, in badewannenwarmem Wasser voller Aquariumfische schnorcheln, ganze Tage in der Hängematte verbringen. Andererseits das Leben der Einheimischen kennenlernen, ihren Alltag, ihre Kokospalmen.

Hajja applaudiert. Ich brauche einen Moment, um zu begreifen, dass sie mich nicht anfeuert, sondern signalisieren will: Ist gut jetzt, kannst wieder runterkommen. Ich bin gerade mal zwei Meter über dem Boden. Durch meine Fußsohlen hat sich ein halbes Dutzend Splitter gebohrt. Meine Hände brennen, Arme und Beine krampfen. Der Direktkontakt mit dem einheimischen Leben verläuft noch deutlich ursprünglicher, als ich ihn mir vorgestellt hatte.

Dann treibt mich Hajja weiter: Für den Sonnenuntergang will sie ans andere Ende der Insel, schnell! Sie zeigt auf ein Fahrrad, das nahebei an einer Palme lehnt: Nimm das! Und schnappt sich selbst ein anderes. "Ist das nicht geklaut?", frage ich. Sie kurvt in weiten Bögen los. "Die bringen wir ja bald wieder zurück."

Die Sandstraße knirscht unter unseren Reifen, Palmblätter, Bananenpflanzen und Banyan-Bäume wogen rechts und links über die Grundstücksmauern. Kinder spielen Ball. Auf Thulusdhoo mit seinen 1.400 Einwohnern gibt es nur ein einziges Auto – ein rotes Taxi. Eine ältere Frau wedelt in der Hocke mit Palmblätterkielen die Straße von Blättern und Blüten frei. Hinter ihr wirkt der Sandboden unberührt wie Neuschnee. Auf einem kleinen Parkplatz übt ein Junge mit seinem Vater Motorradfahren. Nebenan lässt ein Fischer ein Thunfischgerippe, so groß wie ein Kinderfahrrad, ins Hafenwasser gleiten. Hier scheint alles ungestört, unfotografiert, unbewertet.

Am Strand sind wir allein. Ein Segelboot schaukelt als Schattenriss durch die blutrote Sonne: ein Moment wie vor einer Postkarte. Die Urlauber auf den Luxusinseln sitzen jetzt bestimmt im Liegestuhl und bekommen Cocktails gereicht. Ich hingegen unterhalte mich mit Hajja: über ihren Job als Headhunterin in der Hauptstadt Malé. Über ihre Rolle an der Seite ihres Mannes, der in Vielehe lebt und die andere Gattin samt zweier Kinder nach Möglichkeit von ihr fernhält. Sie erzählt mir auch, dass die Malediven die höchste Scheidungsrate der Welt haben und außerehelicher Sex hier mit Peitschenhieben bestraft wird. Eine Fledermaus, so groß wie ein Bussard, saust knapp über meinen Kopf hinweg. Und ich frage mich, nicht zum ersten Mal: Wie nah will ich wirklich heran an die Welt der Einheimischen?

Zwei Tage zuvor war ich aus Malé aufgebrochen. Ich hatte mich nicht wie die anderen Touristen mit dem Wasserflugzeug in eine luxuriöse Parallelwelt ausfliegen lassen, sondern eine lokale Fähre bestiegen. Nummerierte Plastikstühle, es riecht nach Motorenöl, mit mir an Bord rund 50 Malediver. Dort sichere ich mir einen der Premiumplätze auf dem Oberdeck, mit dem Rücken an die Kapitänskajüte gelehnt, die nackten Füße über der Reling. Aus den Lautsprechern plärrt ein Gebet vom Band, bittet Allah um Schutz für die Reise. An uns zieht die Hauptstadt vorbei, das nervöse Herz des Inselstaats: laut, schnell, hypertonisch. Mit seinen 120.000 Einwohnern ist Malé einer der am dichtesten bevölkerten Flecken der Erde. Etwa jeder dritte Malediver wohnt hier.

Die goldene Kuppel gehört zu einer Moschee in der Hauptstadt Malé. © Wolfgang Kaehler/Getty Images

Die Sonne sticht, und mir wird schnell klar, warum ich ganz allein im Premiumbereich sitze: Schatten fällt nur auf die andere Bootseite, wo sich alle aneinanderdrängen. Ich quetsche mich dazu und komme mit Tarik ins Gespräch. Tarik, Ende zwanzig, lebt auf Malé und fährt ein paar Tage zum Surfen nach Thulusdhoo. Unglaublich entspannt dort, sagt er. Ich solle auf jeden Fall mal am Nachmittag auf der Ostseite rauspaddeln, mich treiben lassen: "Und dann warte auf Delfine, die kommen eigentlich jeden Tag." Währenddessen tuckern wir an ein paar Luxusinseln vorbei, mit immer gleichen Bungalows, Kokospalmen im perfekten Hängematten-Abstand und einem Betreuungsschlüssel, besser als in jedem Montessori-Kindergarten. So ein Rundum-sorglos-Paradies würde mich eher nervös machen, vom ständigen Servicegesumse bekäme ich Verspannungen. Ich will lieber in den Einheimischen-Alltag eintauchen.

Tarik erzählt mir vom lauten und rastlosen Leben in Malé, das er sofort hinter sich lassen würde, wäre da nicht sein Job bei der Hafenbehörde, mit dem er rund 1.100 Euro verdient. Er schimpft über die unverhältnismäßig teuren Mieten, die sich viele nicht mehr leisten können. "Und was tut die Regierung? Sie plant eine sechsstöckige Moschee." Er erwähnt den IS – aus keinem anderen Land der Welt reisen, relativ gesehen, so viele Kämpfer ins Kriegsgebiet wie aus den Malediven. Er spricht über das autoritäre Regime des aktuellen Machthabers Abdulla Yameen. Erzählt von der Tageszeitung Haveeru Daily, die vor ein paar Wochen wegen mangelnder Linientreue geschlossen wurde; von Listen, die vor regierungsfreundlichen Demonstrationen herumgehen, auch über seinen Schreibtisch. "Jeder, der in der Behörde arbeitet, muss unterschreiben, dass er teilnimmt."

Noch habe ich mein Urlaubsziel nicht erreicht, und schon türmen sich dunkle Wolken auf. Aber was habe ich auch erwartet? Malediven-plus-Urlaub, das bedeutet eben, auch den Maschinenraum des Paradieses zu betreten, Schattenseiten eingeschlossen.