Niemand im Sekretariat weiß, wo sich der Kurs "Música Popular Brasileira" befindet. Macht aber nichts: Im Flur der Geschichtsfakultät hört man von Weitem die Trommeln und Gitarren aus einem Hörsaal. Thema heute ist brasilianische Musik aus den Dreißigern. "Die Schurken haben vergessen, wie man Samba tanzt. Und schwingen die Hufe lieber zu Foxtrott", klagt die Stimme von Noël Rosa aus dem Lautsprecher, ein Lied aus dem Jahr 1933.

83 Jahre später hat Professor Ivan Vilela die gleiche Sorge. "Brasilianer wachsen heute nicht mehr mit ihrer Musik auf", erzählt er. "Und was heute als Música Popular Brasileira, als MPB, durchgeht, ist oft gleichgeschalteter, wässriger Pop."

Traditionell wird unter MPB eine Musikrichtung verstanden, die in den Sechzigern aufkam und brasilianische Musikstile mit internationalen Einflüssen verbindet. Für Vilela ist MPB aber mehr als das: Sein Kurs behandelt Musik aus seinem Land von 1902, als der erste brasilianische Künstler aufgezeichnet wurde, bis ins Jahr 2000. Seine Vorlesung ist für Vilela eine Mission und deshalb für jeden offen. Der Kurs ist über die Zeit so angeschwollen, dass Vilela mit seinen Studenten in immer größere Räume ziehen musste (deshalb auch die Verwirrung im Sekretariat). In dem Hörsaal sitzen angemeldete und unangemeldete Studenten, Rentner, Schüler und ein abgewetzter Typ, bei dem man sich nicht sicher ist, ob er noch wie ein Bohemien aussieht oder schon obdachlos – insgesamt etwa hundert Leute.

Normalerweise dürften es noch mehr sein: Viele sind heute bei den Demonstrationen gegen das Impeachment der brasilianischen Präsidentin Dilma Rousseff, denn die Geisteswissenschaftler der USP stehen traditionell hinter deren gemäßigt linkem Partido dos Trabalhadores. Andere sind in dem protestbedingten Stau stecken geblieben. Alle paar Minuten kommen Nachzügler in den Hörsaal, murmeln "Verkehr" oder "Demo" und setzen sich hin. Vilela lässt sich davon nicht stören. Er lacht laut und gern, trommelt Rhythmen auf das Pult und schmeißt mit Kreide auf Menschen, die auf ihre Smartphones gucken, anstatt sich ganz der Musik zu widmen.

Seine Vorlesung ist eher eine große Unterhaltung mit der Gruppe. Vilela lässt immer wieder die Namen der großen Musiker fallen, als seien sie gute Freunde – Tom (Jobim), Chico (Buarque), Elis (Regina) – erzählt aber auch von völlig unbekannten Künstlern aus dem Volk. Ausführungen über die Musik mischt er mit Schnipseln aus Soziologie, Geschichte und Politik. "Brasilianische Musik ist die wichtigste Chronik unserer Gesellschaft", sagt Vilela. "Sie ist die einzige Quelle, die nicht von den Menschen auf der Gewinnerseite stammt, sondern auch von den Armen und Analphabeten."