Goethe ist als Zeitschriftenmacher schnell gescheitert: Nach zwei Jahrgängen war Schluss mit seinen Propyläen. Schiller erging es nicht anders: Dessen Horen hielten drei Jahrgänge durch. Das Athenäum der Brüder Schlegel existierte von 1798 bis 1800, und der Phöbus, den Heinrich von Kleist und Adam Müller 1808 starteten, ging nach zwölf Nummern ein. Die Geschichte von Zeitschriften ist nicht zuletzt eine Geschichte ihres ständigen Misserfolgs. Und hochfliegender Pläne, die nie umgesetzt werden konnten: Unter dem herrlichen Titel Krise und Kritik konzipierten Bertolt Brecht und Walter Benjamin 1930/31 eine Zeitschrift, die im Rowohlt Verlag herauskommen sollte. Daraus wurde aber trotz klangvoller Mitarbeiternamen – Adorno, Döblin, Bloch, Musil, Kracauer, Piscator, Lukács – nichts; nur Protokolle und Notizen blieben übrig. Krise und Kritik: Vielleicht hätte so ein Projekt heute wieder Chancen?

In einer Art Bannzauber hatte jedenfalls 2007 die Zeitschrift für Ideengeschichte schon in ihrer zweiten Ausgabe an kurzlebige Periodika erinnert. Offensichtlich erfolgreich: Die Zeitschrift kann jetzt das Erreichen ihres zehnten Jahrgangs feiern. Die dauerhafte Existenz eines solch ganz und gar unzeitgemäßen Projekts ist ja an sich schon bemerkenswert: Viermal im Jahr erscheinen bei C.H. Beck je 128 gedruckte Seiten unter einem Heftthema, ohne Farbe und Facebook, Blog und Twitteraccount – die Idee, dass im Zeitalter der sozialen Medien ausgerechnet solch ein altertümliches soziales Medium wie eine Zeitschrift gedeihen und für Resonanz sorgen kann, ist ideengeschichtlich interessant. Zumal heutzutage kaum mehr von Ideen die Rede ist: Denn wer die Ursachen aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen analysieren will, sei es beim Terrorismus, in der Religion, bei der AfD oder in Europa, der denkt zunächst an materielle Interessen, Märkte oder Herkunft, versucht es mit Soziologien von Gewalt, Religionen, Kulturen, Kommunikationen oder popkulturellen Identitäten, um etwas zu begreifen. Dass jedoch Ideen viel entscheidender, sie also nicht nur Ausdruck, sondern Triebkräfte historischer Prozesse sein könnten, ist für coole Postideologen eine völlig fremd gewordene Vorstellung.

Gegen diese Ignoranz reaktiviert die Zeitschrift für Ideengeschichte den Strom vergangener Gedanken und Einsichten, die berühmte oder randständige Denker diverser Epochen hatten, rekonstruiert Diskurse und durchleuchtet Form und Stil, die Produktionsbedingungen und Resonanzräume, überhaupt die materielle Basis von Theorien. Profilierend wirkt die institutionelle Verankerung bei den drei großen literarisch-geisteswissenschaftlichen Archiven in Marbach (Deutsches Literaturarchiv), Weimar (Klassik Stiftung) und Wolfenbüttel (Herzog August Bibliothek), seit drei Jahren ist auch das Berliner Wissenschaftskolleg an Bord: In jeder Ausgabe werden Fundsachen aus deren Kellern heraufgeholt. Gegen die falsche Alternative von Fachzeitschrift und Feuilleton wolle man sich positionieren, so hieß es 2007 im allerersten Editorial, da macht man sich schon mal locker; ironisch ist man hier ohnehin gerne. Passend zum Geburtstag werden in einem der "Party" gewidmeten Heft (Winter 2015/16) die privaten Fotoalben des legendären Suhrkamp-Verlegers Siegfried Unseld aufgeblättert, in denen Peter Handke Drinks nimmt, Gershom Scholem wild gestikuliert und die Antipoden Niklas Luhmann und Jürgen Habermas friedlich vereint auf der Couch ihres Verlegers in der Frankfurter Klettenbergstraße sitzen. Der Theologe Friedrich Wilhelm Graf erzählt im gleichen Heft von einer ausschweifenden Kostümparty, die 1932 bei dem Theologen Paul Tillich in Frankfurt stattfand: Zahllose Intellektuelle kamen, darunter Herbert Marcuse, Dolf Sternberger (in Toga) Gretel und Theodor W. Adorno (als Napoleon) – ein Jahr später waren die meisten von ihnen im Exil.

Im Heft zum Thema "Altgier" (Frühjahr 2016) widmet sich Ulrich Raulff, Direktor in Marbach und gleichermaßen Vater und Motor der Zeitschrift, einem heute entschwundenen geistigen Stoff: jener Kreide, mit der Gelehrte einst ihre kryptischen Worte und Zeichen an die Tafeln der Hörsäle malten. Karl Heinz Bohrer erzählt in einem wunderbaren Erinnerungsstück von seiner Zeit als FAZ-Korrespondent in London in den 70er und 80er Jahren und führt die mentalen Unterschiede zwischen dem Vereinigten Königreich und dem Kontinent vor Augen. Und in der soeben erschienenen Ausgabe 2/2016 zeigt Martin Warnke, der große Erforscher der politischen Ikonografie, einige Darstellungen aus seinem unerschöpflichen Bildindex im Hamburger Warburg-Haus, auf denen ein hochaktuelles Thema aller Epochen visualisiert ist: Auswanderer, Emigranten, Flüchtlinge.