Spätestens seit die liberal-konservative Strömung der AfD die Partei nach der Abwahl von Bernd Lucke größtenteils verlassen hat und Mitgründer Hans-Olaf Henkel feststellte, man habe "ein Monster geboren", scheiden sich in christlichen Kreisen die Geister: Da gibt es die Minderheit chronisch CDU-frustrierter Rechtsgläubiger, die sich durch das AfD-Ordnungsideal – traditionelle Familie, kulturell-religiöse Homogenität – endlich von ihrer politischen Heimatlosigkeit erlöst sehen. Sie könnten zu Stammwählern dieser Partei werden. Wer sich als Christ nicht von Gewaltfantasien gegen Flüchtlinge und demokratische Politiker, von Rassismus, Affinitäten zu Putin-Russland und antikirchlicher Polemik abschrecken lässt, passt auch besser in die neue rechtsautoritäre Polit-Großsekte als in die Gemeinde der Jünger Jesu Christi.

Die christliche Hauptströmung beider großer Konfessionen hat dagegen erkannt, was die "Gesellschaft Katholischer Publizisten" in die drastischen Worte fasste, zwischen AfD und Christentum verlaufe ein "unüberbrückbarer Graben"– oder wie CDU-Generalsekretär Peter Tauber sagte: "Das C setzt uns eine ganz klare Grenze nach rechts." Solche Positionierungen wurden bestärkt durch bischöfliche Mahnungen sowie die Weigerung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), der AfD ein Podium auf dem Katholikentag zu bieten, um sie nicht christlich salonfähig zu machen. Regelmäßig findet die AfD – wie andere radikale Parteien – bei Kirchenmitgliedern unterdurchschnittlich Zustimmung. Gegen den strikten Abgrenzungskurs gegenüber der AfD wendet sich eine dritte Gruppe, die ideologisch zwar nicht rechts, aber von dem Optimismus beseelt ist, man könne und müsse ohne "Ausgrenzungen" in einen Dialog mit der AfD eintreten. So sei deren ideologischer Furor zu mäßigen oder zu "entzaubern". Diese Haltung des Lass-uns-doch-mal-drüber-reden erscheint nur auf den ersten Blick vernünftig. Es gibt sie in vier Varianten: der idealistischen, der strategischen, der relativistischen und der geschäftlichen.

Die Dialog-Idealisten glauben an die Kraft des Arguments und die Gutwilligkeit jedes Menschen. Sie meinen, wer nur lange genug miteinander rede, werde zu einer Verständigung kommen, zumindest zu einem friedlichen "agree to disagree". Von christlicher Sanftmut geleitet, setzen sie die notwendige Auseinandersetzung mit einem "Sichzusammensetzen" gleich. Sie unterscheiden nicht genug zwischen privater und öffentlicher Sphäre, Gesinnungs- und Verantwortungsethik. Gesprächsbereit zu sein muss noch lange nicht heißen, jemandem ein öffentliches Podium zur Verbreitung seiner Ideen bieten zu müssen. Ausgrenzung kann es sogar gut mit dem anderen meinen: Sie hält ihm seinen Verstoß gegen die moralische Ordnung vor Augen und fordert zur Umkehr auf. Und sie gibt der Gemeinschaft ein Warnsignal.

Das zweite, strategische Argument hebt auf die Selbstviktimisierung der AfD und ihrer Anhänger ab, die sich gern als Opfer einer "Meinungsdiktatur" inszenieren. Man will ihnen zumindest dieses Argument nehmen. Nur: Sind sie nicht reichlich in Talkshows präsent und fühlen sich doch weiterhin geknebelt? Eine narzisstische Bewegung wird sich so lange unterdrückt fühlen, bis sie selbst herrschend ist. Sobald sie es wäre, würde schnell offenbar, dass es sich bei diesen Kämpfern gegen die "Political Correctness" des "Mainstreams" nur um Helden der eigenen Meinungsfreiheit handelt. Die rechtskonservativen PiS-Partner in Warschau machen es vor.

Das Kosten-Nutzen-Kalkül der "Inklusions"-Strategie unterschätzt im Vertrauen auf eine diskursive Widerlegbarkeit der AfD die Durchschlagskraft von deren Demagogie. Auf gebildete Menschen mögen Auftritte wie die eines Bernd Höcke und einer Beatrix von Storch peinlich und abschreckend wirken. Doch bei zu vielen anderen senken sie eher moralische Hemmschwellen und im Gemeinwesen die Maßstäbe des öffentlich Vertretbaren. Kurt Tucholskys Bonmot "Wer nach allen Seiten offen ist, kann nicht ganz dicht sein" bedeutet für das Staatsschiff das Risiko allmählichen Untergangs.

Angesichts der Stabilität der AfD in der Wählergunst trotz aller internen Querelen und verbalen Entgleisungen wird man einsehen müssen: Diese Partei mag von vielen nur aus Protest gewählt werden, von vielen anderen aber nicht trotz, sondern wegen ihrer Radikalität. Ihrer Agitation den Wind aus den Segeln nehmen zu wollen, indem man ihr neue Räume eröffnet, ist widersinnig. Öffentlich-rechtliche Sender mögen ihr ein Podium zugestehen – eine Kirche muss das nicht! Ihr Auftrag ist nicht, jederzeit das Gespräch aller mit allen zu organisieren, sondern Zeugnis zu geben und Leitplanken zu setzen. Ihr Bekenntnis kann auch in strikter Abgrenzung bestehen, in "Auseinandersetzung" im wörtlichsten Sinn.

Die idealistischen und strategischen Begründungen für einen Dialog mit der AfD wären zudem auf noch radikalere Parteien anwendbar. Auch sie könnten doch im Diskurs "gestellt" und "entzaubert" werden. Dies wird aber nicht gefordert und hat mit inhaltlicher Akzeptanz zu tun. Die Relativisten, die sorgloseste Gruppe, findet das AfD-Programm zwar überwiegend falsch, aber nicht wirklich gefährlich. Sie verwechseln die aktuellen Warnungen mit dem Alarmismus eines in Jahrzehnten verschlissenen "Kampfes gegen rechts". Manches finden sie sogar diskutabel, etwa die Islamkritik. Sie fühlen sich nonkonform, unparteiisch und differenziert. Sie vergleichen AfD, Pegida und Neue Rechte gern mit den Grünen, die sich doch gemäßigt und ins demokratische Spektrum eingefügt hätten. Sie verkennen, dass die Öko-Partei, trotz linksradikaler Einsprengsel in der Frühzeit, im Kern einer antiautoritären, liberal-demokratischen Tradition zuzurechnen ist, in die sie parlamentarisch denn auch bald hineinfanden.