Wir deutschen Wähler haben uns daran gewöhnt, es uns ein wenig zu einfach zu machen. Wir verorten uns und die Parteien in einem simplen Links-rechts-Schema. So meinen wir, klarmachen zu können, wo wir selbst politisch stehen und die anderen sehen – und alle glauben, es zu verstehen. Das ausschließliche Denken in Links-rechts-Kategorien ging lange gut, obwohl es auch bislang eine irreführende Vereinfachung war. Spätestens seit dem Aufschwung der AfD und der Dominanz des Flüchtlingsthemas müssen wir anfangen, zweidimensional zu denken. Das, was wir als links und rechts bezeichnen, ist nur eine Dimension der politischen Auseinandersetzung. Es ist die vertraute materielle Achse zwischen den Polen sozialer Gerechtigkeit und Solidarität auf der einen, Markt und Leistung auf der anderen Seite. Die Linkspartei steht sozialpolitisch weit links, etwas rechts davon Grüne und SPD, in der Mitte die Union und am marktliberalen Pol die FDP. Seit dem Aufkommen der Grünen in den 1980er Jahren existiert aber auch eine zweite, kulturelle Achse. Sie hat einen libertären Pol, der für Selbst- und Mitbestimmung, Emanzipation, Schutz von Minderheiten steht und am klarsten von den Grünen vertreten wird, sowie einen autoritären Pol als Sammelbegriff für politische Hierarchie, Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit und Traditionalismus, an dem sich die AfD tummelt. Durch das Erstarken der AfD und das polarisierte Flüchtlingsthema ist diese kulturelle Achse jetzt voll aktiviert worden.

Die Grünen und die AfD sind die "geborenen" Gegenspieler der kulturellen Auseinandersetzung. Alle anderen Parteien wollen – aus unterschiedlichen Gründen – den politischen Kampf zwischen libertären und autoritären Werten vermeiden. Die CDU, weil die dauernden Attacken durch die Schwesterpartei CSU ihre eigenen Wahlchancen schmälern und sie nicht genau weiß, wie weit sie bis zum autoritären Pol gehen will. Die CSU, weil ihre Endlosschleife der Konflikteskalation mit der Kanzlerin in einer zunehmend peinlich werdenden Sackgasse steckt. Die SPD und die Linkspartei, weil ihre Wählerschaften zwischen einer Abwehrhaltung gegen und einer Willkommenskultur für Flüchtlinge gespalten sind. Die FDP, weil sie nur noch über einen marktradikalen Kompetenzkern verfügt und das libertäre Erbe früherer Jahre lange begraben hat.

Deshalb sehen wir das kräftige Bemühen der Parteien, die materielle Dimension im heraufziehenden Bundestagswahlkampf wieder ins Zentrum der politischen Auseinandersetzung zu rücken. Die Rente ist dabei nur der Anfang. Weitere Themen der Konfrontation von Marktfreiheit und Gerechtigkeit werden folgen: Bekämpfung der Arm-reich-Schere bei Linkspartei und SPD, Wirtschaft, Innovation und schwarze Haushaltsnull bei Union und FDP.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 22 vom 19.5.2016.

Fast alle Parteien reden also lieber über anderes, aber die AfD hat den kulturellen Fehdehandschuh hingeworfen. Sie braucht die innerstaatliche Feinderklärung, weil ihr ein pluralistisches Grundverständnis von Politik und Gesellschaft fehlt. Die AfD ruft das Ende des "links-rot-grün verseuchten 68er-Deutschlands" (Meuthen) aus. Das ist treffsicher. Die 68er waren der Ausgangspunkt eines kulturellen Umbruchs, der über die neuen sozialen Bewegungen und die Grünen zu einer gesellschaftlichen Mehrheit führte, die den autoritären Traditionalismus überwinden wollte. Die 68er schwärmten vom Sozialismus, in Wirklichkeit begann mit und nach ihnen eine Revolutionierung der Lebensweise. "Libertär" ist ja nur eine Chiffre für die Wege aus der "eindimensionalen Gesellschaft" von Markt und Konsum, aus der alle kulturellen Alternativen entweichen. Ein neues, breites Verständnis von Toleranz gegenüber der Vielfalt von Minderheiten, Emanzipation als Gegenprogramm gegen die patriarchalische Gesellschaft, auch Ökologie als behutsamer, nachhaltiger Umgang mit der Natur – alles Innovationen, hinter die die AfD wieder zurückwill. Deswegen ist es falsch, wenn die anderen Parteien die AfD in der kulturellen Frage nicht stellen, ihr sogar in Teilen durch ein besänftigendes "Wir müssen die Sorgen dieser Bürger ernst nehmen" nachlaufen wollen. Die AfD bleibt nicht beim Flüchtlingsthema stehen, obwohl es der Katalysator ihres Wiederaufstiegs nach dem Lucke-Desaster war. Sie diffamiert fremde Religionen und Menschen, will die Frau zurück an den Herd bringen, verweigert ihr das Selbstbestimmungsrecht in Abtreibungsfragen, fordert eine Rückkehr zum völkischen Abstammungsprinzip bei der Staatsangehörigkeit, bestreitet den menschengemachten Klimawandel, wünscht sich ein Comeback der Atomkraft.

Ist es wahr, dass bis September 2017 aneinander vorbeigeredet werden soll? Die Parteien des "materialistischen" Mainstreams weichen der AfD durch ihre machtorientierte Themenwechselstrategie aus. Jemand muss der AfD aber auf das antworten, was sie eigentlich meint: Ihr Kernprojekt ist der kulturelle Rückbau der Republik. Aus der Aufbruchsgeschichte seit den 1970er Jahren soll nun eine Abbruchsgeschichte gemacht werden. Die kulturell modernisierte Mehrheitsgesellschaft ist gefordert, sich diesem von der AfD eröffneten "Kulturkampf" zu stellen. Sie muss sagen, warum sie froh ist, nicht mehr in den 1950er Jahren zu leben. Wer bislang glaubte, derartig verstaubte, autoritäre Gedanken seien endgültig vertrieben und die Vielfalt libertärer Werte bereits fest in der Gesellschaft verankert, sieht sich heute eines Besseren belehrt. Die kulturelle Modernisierung muss in Deutschland noch einmal gegen Widerstand durchgefochten werden.