Orchester bei der Arbeit zu zeigen ist oft ein Problem, nicht nur im Zeitungsgeschäft. Damen in Schwarz und Herren im Frack mit ernsten Mienen an klassischen Instrumenten – das sieht überall gleich aus, und von der Musik, die dabei entsteht, von der Unverwechselbarkeit eines Klangs erzählen die meisten Bilder gar nichts. Was aber, wenn das Auge nicht die Celli sieht, sondern die Löcher, die deren Stachel ins Podiumsparkett stanzen (sozusagen der Albtraum eines jeden Vermieters)? Was, wenn sich einem der glänzende Trichter einer Trompete wie das Maul einer Riesenkaulquappe nähert oder wenn das Publikum ins Visier genommen wird, von der Bühne aus und im Augenblick des Hörens, unscharf, ja verwischt, als würde es durch die Schallwellen in ein leises Schunkeln versetzt? Dann beginnen die Bilder plötzlich zu tönen und zu tanzen. Zwei Jahre lang haben der Fotograf Andreas Herzau und die Lyrikerin Nora Gomringer die Bamberger Symphoniker begleitet, auf Tourneen rund um den Globus wie daheim an der Regnitz. Herausgekommen ist eine sehr spezielle Festschrift zum 70. Geburtstag des Orchesters, eine zweistimmige Liebeserklärung an das Mysterium Musik. Und wie klingen sie nun, die Bamberger Symphoniker? Nora Gomringer mag es zwar gomringermäßig ein wenig übertreiben mit der Fabulierkunst, aber so ist das eben, wenn das Herz mit einem durchgeht – und außerdem hat sie natürlich recht: "Dieses Orchester klingt karamellfarben, nach Sahnebonbon und ist im Lustzentrum des Gehirns doch durchaus salzige Lakritze, ist malewitschig schwarzquadratisch, Zitronenfalter, Aperol Spritz und ein frischer kühler Silvaner."

Nora Gomringer/Andreas Herzau: Bamberg Symphony. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2016; 152 S., 93 Abb., 39,80 €