Die Treffen mit dem Frankfurter Ethnologen Karl-Heinz Kohl sind immer kurzweilig. Man unterhält sich über Schweineschlachtorgien auf Ost-Flores oder die über Tage ausgedehnten Fußballspiele früherer Kopfjägerstämme, denen die Trophäe den feindlichen Schädel ersetzt. Diesmal aßen wir in einer vietnamesischen Garküche an der Leipziger Straße zu Mittag, die sich ihres Einflusses durch die Kolonialmächte Frankreich und China rühmt und angesichts ihrer langen Seeküste auch Kompetenz für California Rolls und Sushi anmeldet.

Über einer chinesischen Frühlingsrolle schlug der Ethnologe vor, kurz vor ihrer Schließung noch einmal die Felsbild-Ausstellung im Berliner Gropius-Bau zu besuchen. Da ging es nämlich genauso kunterbunt wie in unserer Garküche zu. Herrlich opulent und in raumgreifenden Formaten begrüßte uns eine Auswahl aus den Frankfurter Archiven des von Kohl geleiteten Frobenius-Instituts. Seit knapp 50 Jahren waren diese Kopien nicht mehr ausgestellt worden, und wie sehr passen sie doch in unsere dem Originalgenie abholde, mit Einflüssen, Vernetzungen und Dekonstruktionen beschäftigte Zeit.

Die Schöpfer der abgebildeten Werke aus den Savannen Simbabwes, der zentralen Sahara, dem australischen Outback und Europa sind anonym, seit sechs-, zehn-, wenn nicht dreißigtausend Jahren verstorben. Sie übermalten die Kunst ihrer Ahnen mit dem Interventions-Elan der Situationisten und schufen so grandiose Palimpseste, evozierten Löwen- und Pferdeköpfe mit der perspektivischen Finesse eines Carpaccio und spielten expressionistisch mit Proportionen wie Beckmann, Kirchner oder Munch.

Solche Assoziationen sind kein Zufall, handelte es sich bei den meist weiblichen Kopisten der Felsbilder doch um junge Künstler und Kunsthistoriker, die mit jüngeren westlichen Maltraditionen wohlvertraut waren. Viele verdankten ihre Ausbildung der Frankfurter Städelschule, die früh Kirchner und Munch gesammelt hat und sich an der Moderne ausrichtete. Zur Erleichterung der Abpausarbeit frischten sie gern die Linien auf und reproduzierten große Panoramen oft erst daheim in Frankfurt anhand von Fotos. Dabei wurde die 3-D-Natur der Felsbilder durch Farbfeldvariationen kompensiert. Auf diese Weise entstanden Originalkopien, Hybride, in denen die prähistorischen Artefakte eine enge Liaison mit einem von der Frühmoderne getränkten Blick eingehen.

Zwischen den beiden Weltkriegen wurden Frobenius’ Felsbilder in zahlreichen europäischen Städten, in Paris und 1937 sogar im New Yorker MoMA gezeigt. Ihre uns frappierende "Modernität" rührt nicht nur von der vorbelasteten Hand der Kopisten her: Es ist bekannt, dass Jackson Pollock die New Yorker Ausstellung besuchte. Womöglich sind auch Philip Guston, Adolph Gottlieb und der frühe Mark Rothko von ihr beeinflusst worden. Manches in ihren Bildern erinnert an Frobenius’ "Formlinge", die abgerundeten Abstraktionen der Felsbildmaler. Über Salvador Dalís Bezug zur Höhlenkunst ist in Zusammenhang mit seinem Handabdruck in Gesicht des Krieges von 1941 schon spekuliert worden, doch auch für seine ins Anorganische verfremdeten Körper finden sich Äquivalente in den Kopien des Frobenius-Instituts. Dubuffet kritisierte 1951 die zeitgenössische Ästhetik gerade unter Hinweis auf die Malerei der sogenannten Primitiven. Anders als tribale Masken und Skulpturen ist sie in ihrer Bedeutung für die moderne Kunst kaum aufgearbeitet. Auch 1984 in der Primitivism-Schau des MoMA fehlte sie ganz. Und doch war es wohl nicht zuletzt die unheimlich nahe Ferne der Frankfurter Felsbildschau, die die Infizierung der Moderne mit sich selbst katalysierte.

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