Im achten Stock der Staatsanwaltschaft von Curitiba sitzt ein mächtiger Mann, der sich erstaunlich kleinredet. "Unsere Arbeit ist nicht politisch getrieben, hat im Grunde mit Politik überhaupt nichts zu tun", sagt er. Dabei hat Staatsanwalt Paulo Roberto Galvão, 37, in den vergangenen Monaten halb Brasilien auf den Kopf gestellt. Der unscheinbare Mann mit proper gestutztem Bärtchen und biederem Business-Anzug gehört zu einem Team von elf ungewöhnlich jungen und auffällig ambitionierten Strafverfolgern. Von Curitiba aus, einer Zwei-Millionen-Stadt im Südosten des Landes, kümmern sie sich um Finanzverbrechen im ganzen Land – und seit Monaten betreiben sie eine wahre Hatz auf korrupte Politiker und Konzernchefs.

Kaum eine Woche vergeht ohne neue Nachrichten aus Curitiba über festgenommene Senatoren oder verhörte Spitzenpolitiker. Der ehemalige Präsident Lula da Silva? Wurde vor laufenden Fernsehkameras zu einer Vernehmung geführt. Der größte Bauunternehmer des Landes? Wanderte für 19 Jahre hinter Gitter. Selbst Präsidentin Dilma Rousseff musste unter lauten "Nieder mit der Korruption!"-Rufen ihr Amt niederlegen – vor allem deswegen, weil viele Brasilianer sie für die vielen Skandale verantwortlich machten. Bis auf Weiteres hat eine Übergangsregierung der "nationalen Rettung" die Geschäfte übernommen. Die jedoch ist noch stärker der Korruption verdächtig. Jetzt wird spekuliert, ob die motivierten Fahnder bald zurückgepfiffen werden. Ganz wie in alten Zeiten.

Die Politik Brasiliens befindet sich im Ausnahmezustand. Und in dieser Lage nennt sich der Kopf der Korruptionsbekämpfer unpolitisch? "Unsere Ermittlungen haben natürlich politische Auswirkungen in der Hauptstadt", antwortet Galvão. "Aber das ist eine Nebenwirkung. Sollen wir unsere Arbeit deswegen etwa einstellen?"

Was die jungen Staatsanwälte da treiben, ist eine sensationelle Neuerung in der lateinamerikanischen Politik: Mit der Korruption wollten schon viele aufräumen, gelungen ist es kaum jemandem. Studien von Unternehmerverbänden und unabhängigen Akademikern ergeben regelmäßig, dass die Schmiergeldforderungen von Beamten und die Bestechungen von Unternehmen in lateinamerikanischen Ländern etwa zwei Prozent der Wirtschaftsleistung verschlingen. Auf den Korruptionsindices von Transparency International und der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young schneiden die Staaten Lateinamerikas traditionell schlecht ab.

Es gab zwar immer wieder einzelne spektakuläre Erfolge in Mittel- und Südamerika – 2015 etwa wanderte der Präsident von Guatemala wegen Bestechlichkeit hinter Gitter, und gegenwärtig muss sich Argentiniens ehemalige Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner wegen Korruptionsvorwürfen rechtfertigen. Doch solche Fälle sind die Ausnahme. Landauf, landab agieren bestechliche Politikerkasten, raffgierige Beamte und Unternehmer, die sich schwarzer Kassen bedienen. Die Folge: Viele engagierte Ermittler wurden von ihren Chefs gestoppt, manche bedroht, einige ermordet. Ein Horror auch für Unternehmer und ausländische Investoren, die sich an ethische Grundsätze halten wollen. "Früher hieß es immer: Wer in Lateinamerika Geschäfte macht, muss schmieren. Heute sagen sich viele Unternehmen: Wir gehen da gar nicht erst hin", berichtet der brasilianische Landesvertreter eines europäischen Finanzdienstleisters.

"Unsere Gesetze sind in dieser Frage eigentlich sehr gut und modern", sagt Rita Biason, Sozialwissenschaftlerin und Chefin eines Forschungszentrums über Korruption in São Paulo. "Doch was fehlt, ist die Umsetzung von Kontrollen." Überall in den Staatsunternehmen, bei den Banken, bei Wirtschaftsprüfern und bei Rechnungshöfen hätte Brasilien über die Jahre Kontrollinstanzen eingerichtet. "Doch viele davon wurden bereits geschaffen, um nicht zu funktionieren." Intransparent, ohne Rechenschaftspflichten und besetzt von Abhängigen oder persönlichen Bekannten der zu überwachenden Machthaber.

Daher blicken in diesen Tagen viele Strafverfolger, nicht nur aus Brasilien, auf Curitiba: Wie machen die das? Galvãos Team ist inzwischen auf 50 Mitarbeiter angewachsen. Weil die Akten so viel Platz in Anspruch nehmen, haben sie einige Etagen in Nachbargebäuden gemietet. Die Ermittlungen haben rund 100 Spitzenvertreter von Politik und Wirtschaft erreicht, die früher als unantastbar galten. Die Ermittler glauben, dass sie den größten Korruptionsskandal aller Zeiten zutage gefördert haben: den sogenannten Petrolão, das "ganz große Ölgeschäft", bei dem mindestens zehn Milliarden Euro Bestechungsgelder geflossen sein sollen.

Galvão erzählt es so: "Meine Kollegen hatten schon einige Monate lang gegen internationale Geldwäscher ermittelt, aber erst 2014 wurde allen klar, dass wir gegen ein riesengroßes, systemweites Netzwerk vorgehen, das bis in die Spitzen der Politik reicht." Nach und nach erkannten die Fahnder, dass bei zahlreichen Öl- und Bauprojekten des Landes über Jahre hinweg offenbar ganz selbstverständlich drei Prozent der Vertragssumme abgezweigt wurden. Das Geld soll über internationale Geldwäscher weitergeschleust worden sein. Heute kann der Chef des Abgeordnetenhauses nicht nachvollziehbar erklären, wie er an Nummernkonten voller Millionen in der Schweiz gekommen ist. Auch die jüngste Wahlkampagne der suspendierten brasilianischen Präsidentin Dilma Rousseff soll mit Petrolão-Geldern finanziert worden sein, allerdings ohne ihr Wissen. Politiker aller großen Parteien waren in den Skandal verwickelt. Vereinzelte Bauprojekte und die Erschließung mancher Ölfelder wurden anscheinend überhaupt nur vorgenommen, um Bestechungsgelder abzuzweigen – ein wirtschaftlicher Sinn war ansonsten nicht erkennbar. Auch beim Bau von Fußballstadien für die Weltmeisterschaft oder Sportanlagen für die Olympischen Spiele fielen Unregelmäßigkeiten auf, die auf Bestechung hindeuten.