Was eigentlich ist los in diesem Land, der immerhin siebtgrößten Volkswirtschaft der Welt? Kaum ist Brasiliens Präsidentin von ihrem Amt suspendiert, da fordern wütende Bürger auch schon den Rücktritt ihres Nachfolgers. Am vergangenen Sonntag sprach der neue Interimspräsident Brasiliens, Michel Temer, zum ersten Mal im Fernsehen. In mehreren großen Städten holten Bürger daraufhin Töpfe, Pfannen und Besteck hervor und trommelten ihren Protest von Fenstersimsen und Balkonen herab. Die Leute werfen dem 75-jährigen Temer, einem altgedienten Politiker der rechtsliberalen Partido do Movimento Democrático Brasileiro (PMDB) vor, einen Putsch gegen die bisherige sozialdemokratische Präsidentin Dilma Rousseff angeführt zu haben.

PR-Berater im Dienste Temers reagierten gereizt, mit einer Mahnung ans Volk: "Es wäre schlecht, wenn der Präsident auch während der Olympischen Spiele im August ausgebuht würde. Es wäre eine internationale Blamage."

Nur, blamiert sich Brasilien, ein Land, das sich einmal auf dem Sprung zu einer Weltmacht wähnte, nicht längst vor dem Rest der Welt, und zwar mit einer Politikgroteske, die sich nun schon über Monate hinzieht?

Temers PMDB war bis vor Kurzem der Koalitionspartner der Arbeiterpartei von Dilma Rousseff, er selbst war Vizepräsident. Zu Jahresbeginn jedoch entschieden liberale, konservative und rechte Parteien, die Staatschefin per Amtsenthebungsverfahren aus dem Palast zu drängen. Es war ein verfassungsrechtlich höchst umstrittenes Manöver. Die Präsidentin wurde unter dem vorgeschobenen Grund entfernt, sie habe den Staatshaushalt fehlerhaft berechnen lassen.

Die Wahrheit ist jedoch, dass die Konservativen einen Stimmungswandel in der 200-Millionen-Bevölkerung gewittert hatten und eine klare Mehrheit gegen die Präsidentin im Parlament. Temers Bündnis sah die Gelegenheit gekommen, die Reformerin Rousseff abzulösen und eine Restauration des alten Brasiliens anzustreben.

Eine "Regierung der nationalen Rettung" nennt Temer sein Kabinett. Die sieht so aus: 22 weiße Männer, die meisten von ihnen im vorgerückten Alter, in schwarzen Anzügen und mit schütterem Haar. Das Frauenministerium löste Temer ebenso auf wie das Kulturministerium. Zugleich ordnete der Interims-Staatschef an, ein nur leicht verändertes Banner aus der Zeit der Militärdiktatur von 1964 bis 1985 zum Erkennungszeichen der Regierung zu machen.

Die Kampfansage ist unmissverständlich: Die traditionellen Eliten sind zurück an der Macht. Temer hat eine Kompanie erfahrener Macher aus den konservativeren Parteien reaktiviert. Der ehemalige Notenbankchef Henrique Meirelles zum Beispiel soll als Finanzminister die Not leidende Wirtschaft in Schwung bringen, immerhin ist er eine anerkannte Koryphäe.

Doch Umfragen zeigen, dass kaum ein Brasilianer Temer als Präsidenten haben will. Zudem bekommt sein Team gerade Ärger mit der Justiz. Gegen seine old boys laufen zahlreiche Verfahren wegen Korruption und anderer Vergehen. Temer selbst ist ebenfalls nicht unbescholten: Ein Tribunal hat ihn gerade erst wegen "Unregelmäßigkeiten" der Wahlkampffinanzierung verurteilt. Nach brasilianischem Recht bedeutet das, dass er acht Jahre lang nicht für ein politisches Amt kandidieren darf. Mit anderen Worten: Durch Wahlen hätte Temer niemals Präsident von Brasilien werden können.

Für viele Brasilianer bedeutet sein Aufrücken an die Staatsspitze ein böses Erwachen. Vor einigen Wochen noch waren Hunderttausende auf die Straßen gegangen, um gegen Korruption und für mehr Anstand in der Politik zu demonstrieren. Damals protestierten sie gegen Dilma Rousseff und ihren politischen Ziehvater und Amtsvorgänger Lula da Silva. Jetzt haben sie eine neue Regierung, die ihnen mindestens so unanständig erscheint wie die alte.

Das Problem ist bloß, dass auch die Sozialdemokratin Dilma Rousseff kaum noch Legitimität genießt. Zuletzt hatte sie fast allen Rückhalt im Parlament verloren, sie konnte keine Ideen mehr umsetzen, ihre Koalition zerbrach. Für die drängendsten Probleme des Landes hatte sie keine Lösungen mehr parat. Vor allem fielen ihr keine Rezepte gegen die schwere Konjunkturkrise ein. Schon im zweiten Jahr hintereinander schrumpft die Wirtschaft Brasiliens, und die Arbeitslosigkeit schnellt in die Höhe. Zuletzt lagen die Zustimmungswerte für Rousseff in Umfragen gerade noch bei zehn Prozent. Nur einer im Lande schafft es, diesen Wert zu unterbieten: Michel Temer erhielt in einer Umfrage des Wahlforschungsinstituts Ibope im April als potenzieller Präsident ganze acht Prozent Zustimmung.