Read the English version of this article here

Jedes Mal, wenn das Gespräch mit deutschen Freunden auf die Debatte über Großbritanniens EU-Mitgliedschaft kommt, spüre ich bei ihnen eine gewisse Verständnislosigkeit und Verzweiflung. Meine Freunde können oft nur schwer nachvollziehen, wie die Briten ernsthaft einen Ausstieg aus der EU erwägen können. Wer eher wohlwollend denkt, schreibt die Brexit-Debatten der britischen Exzentrizität oder der Inselmentalität zu. Die weniger Nachsichtigen glauben, es hänge alles damit zusammen, dass die Briten ihrem Empire nachträumten, alternativ könne es auch an einer Mischung aus Fremdenfeindlichkeit und Realitätsfremdheit liegen.

Natürlich spielen diese Faktoren auch eine Rolle in der Brexit-Debatte, aber wenn man ihren wahren Hintergrund begreifen will, sollte man sich meiner Meinung nach eines deutlich machen: Großbritannien und Deutschland sehen das Europa-Projekt von jeher sehr unterschiedlich. Die Gründe dafür liegen in der Nachkriegsgeschichte der beiden Länder.

Nach dem Desaster des Zweiten Weltkriegs galt Europa den Deutschen als moralische und politische Notwendigkeit. Die deutsche Elite zweifelte nicht daran, dass die Europäische Union im Wesentlichen ein politisches Projekt sei. Die Briten hingegen traten der EU aus emotionslosen, pragmatischen und vor allem wirtschaftlichen Gründen bei. Heute tun sie sich schwer mit der Entwicklung, die aus der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), der sie in den 1970er Jahren beigetreten waren, die heutige Europäische Union gemacht hat. Um diese Frage geht es bei der aktuellen britischen Debatte: Akzeptieren wir die Verwandlung der EWG in eine moderne EU?

Großbritannien und die EU

Was bedeutet Brexit?

Der Begriff ist eine Wortschöpfung aus Britain und Exit. Er beschreibt den möglichen Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union. Er entstand in Anlehnung an den Grexit – den drohenden Austritt Griechenlands aus der Eurozone.

Warum ein Referendum?

Weil es Premierminister David Cameron den Wählern versprochen hat. Der Druck konservativer Abgeordneter und der EU-skeptischen Ukip war in den vergangenen Jahren so groß geworden, dass sich Cameron 2013 zum Handeln veranlasst sah. Er stellte ein Referendum bis spätestens 2017 in Aussicht, sollte er Premier bleiben. Vorher wollte er mit der EU über Reformen verhandeln, die Großbritanniens Vorstellungen von einer Europäischen Union entsprächen.

Wann ist mit dem Ergebnis zu rechnen?

Das Referendum findet am 23. Juni statt, die 382 Wahllokale schließen an diesem Donnerstag um 23 Uhr deutscher Zeit. Die Stimmzettel werden vor Ort ausgezählt, das jeweilige Ergebnis im Anschluss sofort verkündet. Das endgültige Ergebnis hängt davon ab, wie schnell die Stimmen ausgezählt sind. Mit einer klaren Tendenz wird gegen vier Uhr am Freitagmorgen gerechnet.

Was, wenn die Briten in der EU bleiben?

Dann können sie mit Zugeständnissen der EU rechnen. Der britische Premier Cameron und EU-Vertreter haben in den vergangenen Monaten ausgehandelt, dass für Großbritannien Ausnahmen und Sonderregelungen eingeführt werden können. Dazu gehört auch eine Notbremse, die es erlauben soll, bestimmte Sozialleistungen für zugewanderte EU-Bürger zu beschränken. Den EU-Gegnern gehen die Zugeständnisse nicht weit genug. Cameron sandte ein Versprechen hinterher: "Großbritannien wird nie Teil eines europäischen Superstaates sein." Sein Land werde seinen Sonderweg weitergehen. Auch die Euro-Währung solle nicht eingeführt werden.

Was, wenn Großbritannien für den Brexit stimmt?

Dann wird es superkompliziert. So viel steht fest: Ein EU-Austritt würde das Land nachhaltig verändern und die Konsequenzen wären hart. Pläne für den Tag nach dem Brexit gibt es, dennoch sind viele Fragen offen. Das Prozedere der Austrittsverhandlungen ist zwar in Artikel 50 der EU-Verträge geregelt, zwei Jahre wäre dafür Zeit. Dass der Übergang in so kurzer Zeit zu schaffen ist, halten Ökonomen jedoch für utopisch. Die Briten müssten spätestens 2018 sämtliche EU-Vorschriften überprüft, geändert und in britisches Recht überführt haben – eine Aufgabe, die kaum zu bewältigen scheint.

Hat schon einmal ein Land die EU verlassen?

Nein, Großbritannien wäre das erste Land, das die Staatengemeinschaft verließe. Im Zuge der Eurokrise wurde im vergangenen Jahr ein Austritt Griechenlands befürchtet, er konnte aber abgewendet werden.

Seit ihrer Gründung war die EU auf Erweiterung ausgelegt, in den vergangenen Jahrzehnten ist sie beständig gewachsen. Auch die EU-Verträge befassten sich zunächst weder mit dem Austritt noch mit dem Ausschluss eines Mitgliedslandes. Erst der 2009 geschlossene Vertrag von Lissabon enthielt erstmals eine Austrittsklausel.

Die Briten reagierten ganz anders als die Deutschen auf den Zweiten Weltkrieg. Sie waren aus dem Krieg mit positiven Gefühlen für ihr Land und ihre politischen Institutionen hervorgegangen. Daran konnten sie sich in den Nachkriegsjahren aufrichten, so konnten sie den Verlust ihres Empires verkraften.

Eine der häufigsten Fehleinschätzungen, die das Ausland gegenüber Großbritannien pflegt, ist die Annahme, dass die Briten den guten alten Zeiten des Empires hinterhertrauerten. Aus meiner Erfahrung als Schüler im London der 1970er Jahre kann ich das definitiv nicht bestätigen. Die Schulkinder in jener Zeit wuchsen mit Filmen und Comics auf, in denen es um den Zweiten Weltkrieg ging – ein Ereignis, bei dem ein schmeichelhaftes Bild von Großbritannien gezeichnet wurde. Das Empire dagegen – moralisch eine deutlich fragwürdigere Angelegenheit – wurde in der Schule nur wenig diskutiert.

Die kollektive Erinnerung der Briten an den Zweiten Weltkrieg hatte zwei Folgen, die bis heute wirken. Der erste und offensichtlichste Punkt ist der, dass in der britischen Psyche noch immer ein gewisser Stolz darüber mitschwingt, dass man anders ist als der Rest Europas. Wichtiger ist jedoch, dass es nie ein großes Interesse an Europa als politischem Projekt gab. Die Briten gingen mit einem gestärkten und nicht etwa geschwächten Glauben an ihren Nationalstaat und ihre eigenen politischen Institutionen aus dem Krieg hervor.

Aus diesem Grund haben britische Euroskeptiker das Streben nach europäischer Vertiefung nicht als idealistisches Projekt interpretiert – sondern als eine weitere Bedrohung der Integrität der britischen Institutionen. Die umstrittenen Kommentare von Boris Johnson, dem ehemaligen Bürgermeister von London, der den europäischen Drang nach einer politischen Union mit den Ambitionen Hitlers und Napoleons verglich, müssen in diesem Kontext verstanden werden. Johnson ist ein geschickter Politiker, der um die reißerische Wirkung von Hitler-Vergleichen weiß. Aber die Vorstellung, dass die EU ein fundamental antidemokratisches Projekt sei, wird von vielen Briten geteilt.

Ich verstehe diese Haltung, weil auch ich sie eine Zeit lang vertreten habe. Von 2001 bis 2006 habe ich als Korrespondent in Brüssel gearbeitet. Als ich dort anfing, war ich ein emotionaler und intellektueller Euroskeptiker. Für mich war der Euro nicht nur ein problematisches Projekt – mir war auch der Drang nach mehr europäischer Vertiefung unheimlich. Als ich Brüssel wieder verließ, waren meine intellektuellen Bedenken geblieben, wenn nicht gar gestärkt. Doch die emotionalen Vorbehalte gegen die EU waren verflogen. Ich hatte die EU – trotz all ihrer Probleme – als ein nobles und nötiges Projekt zu schätzen gelernt. Eine Union von 28 Ländern, die sich dem friedlichen Dialog und demokratischen Werten verschrieben haben, scheint immer noch der beste Weg zu sein, um Frieden und Freiheit auf dem Kontinent zu wahren.

Im Laufe der Jahre wurde der britische Glaube an die Überlegenheit der eigenen Institutionen immer wieder infrage gestellt – besonders durch die Bewegung für ein unabhängiges Schottland, die die Vorstellung ablehnt, "Westminster-Demokratie" sei etwas Erstrebenswertes.

Dennoch glaube ich weiterhin, dass die meisten britischen Wähler instinktiv eine Selbstverwaltung durch nationale Parlamente befürworten, die direkt der Wählerschaft Rechenschaft ablegen, und dass sie den EU-Institutionen mit Argwohn gegenüberstehen. Thesen, die in Deutschland weit verbreitet sind – nationale Souveränität ist veraltet, Demokratie sollte auf europäischer Ebene durch das Europäische Parlament ausgeübt werden –, finden in Großbritannien wenig Anklang.