Als ich Caitlin Doughtys Buch Fragen Sie Ihren Bestatter zum ersten Mal öffnete, kam ich bis Seite 20. Ich frühstückte und las. Doughty studierte zunächst, so erfährt man im ersten Kapitel, Geschichte und machte später eine Ausbildung zur Bestatterin. Ihr Buch beginnt die Anfang 30-Jährige mit der Kremierung ihrer ersten Leiche. Nachdem der Ofen abgekühlt ist, muss die werdende Bestatterin Doughty mit einem Rechen zusammenkratzen, was die Gasflammen übrig gelassen haben. Dabei nimmt sie den verkohlten Schädel in die Hand. In ihren Händen zerbröselt er. Was vor ein paar Tagen noch das Behältnis für das faszinierendste aller Organe gewesen ist, zerfällt zu Staub. Ich klappte das Buch zu und schob mein halb gegessenes Ei von mir weg.

Was Doughty bewogen hat, nach ihrem Studium das Bestatterhandwerk zu lernen, schreibt sie im Eröffnungskapitel: "Ich wollte härteren Stoff: richtige Leichen, richtigen Tod." Unbekümmert wie ein Mädchen, das gerade einer Fliege die Flügel ausgerissen hat, erzählt sie von den Details ihres Alltags zwischen den bollernden Öfen des Krematoriums und teilt ihre, nun ja, philosophischen Ansichten dazu mit. Viele Menschen hätten den Bezug zum Tod verloren, er sei, wenngleich biologische Notwendigkeit allen Lebens, versteckt, verborgen, verschwiegen. Wir hätten den Tod medizinisiert, pathologisiert und damit ausgeschlossen vom großen Kreislauf des Lebens. Diese Beobachtungen sind nicht neu. Doughty betreibt jedoch eine Art Brachialaufklärung und versucht mit ihren Erfahrungen an der Seite von Hunderten von Leichen, dem Tod den Teufel auszutreiben.

Als ich das Buch zum zweiten Mal in die Hand nahm, kam ich bis Seite 80. Bis dahin lernt man einiges über den Tod. Dass in jeder Sekunde zwei Menschen auf der Erde sterben. Dass eine Kremierung erst beendet ist, wenn der Körper rot glüht. Ist er schwarz, ist er "noch nicht durch". Dass die indische Regierung Tausende von fleischfressenden Schildkröten im heiligen Fluss Ganges ausgesetzt hat, damit sie die Überreste der Leichen wegknabbern, die dort bestattet werden. Und dass vom Stamm der Wari’ in Brasilien eine besondere Bestattungskultur überliefert worden ist. Starb ein Angehöriger, traf sich nach ein paar Tagen – in der Tropenhitze dürfte die Verwesung bis dahin schon weit fortgeschritten sein – die Dorfgemeinschaft. Die Körper zu begraben kam nicht infrage: Gemeinsam kochte und verspeiste man den verfaulenden Kadaver. Ich klappte das Buch zu und wechselte zu Videos von Walen, um die Bilder in meinem Kopf zu vertreiben.

Doughty hat gut recherchiert, sie verflicht die Stränge von Kulturgeschichte, Medizin, Kunst und eigener Erfahrung elegant miteinander; die Autorin kann erzählen. Aber ihr koketter Plauderton wirkt manchmal ein wenig zu laut, ja altklug. Man merkt ihr an, wie sie den Voyeurismus unter den Lesern erahnt, die mit der Lust am realen Grusel ihr Buch kaufen. Sie werden nicht enttäuscht. Aber braucht man das Grauen sich zersetzender Körper, den Schauder der Methoden, mit denen wir ihnen zu Leibe rücken, um die Schrecklichkeit des Todes zu erfassen? Ist das Furchtbare nicht etwas anderes: dass wir unfähig sind, mit seiner Endgültigkeit und Unabwendbarkeit umzugehen?

Als ich das Buch zum dritten Mal öffne, sitze ich im Zug. Neben mir ein Herr, wir kommen ins Gespräch. Er, Jahrgang 1934, habe seine Frau auf der Intensivstation besucht. Schlaganfall. Er selbst hatte schon Darmkrebs, erzählt er, "doch meine Zeit war noch nicht gekommen. Aber wenn ich sterben müsste, wäre ich glücklich über das Leben, das ich gehabt habe."

Während der Zug zwischen Hannover und Hamburg durch die Dunkelheit rauscht, lese ich weiter. Doughty beschreibt, was genau mit einem menschlichen Körper passiert, wenn ihn die Flammen des Krematoriums erfassen, und dann erzählt sie davon, dass die Kremierung von Babys oder Föten nicht so lange dauert wie die von Erwachsenen. Ich klappe das Buch zu und frage den Herrn, der kaum deutlicher die Antithese zu Doughty sein könnte, wie er dem Tod so entspannt entgegenblicken könne. "Für mich ist er Teil des Lebens", sagt er, "und im Moment muss ich mich um andere Dinge kümmern. Einen Ersatz für die wöchentliche Tennisrunde zu finden etwa." Es gibt also noch wichtigere Dinge als den Tod: das Leben zum Beispiel.

Caitlin Doughty: Fragen Sie Ihren Bestatter. Lektionen aus dem Krematorium; a. d. Engl. v. Sky Nonhoff; C. H. Beck, München 2016; 270 S., 19,95 €, als E-Book 15,99 €