Ausgerechnet jener bedeutende deutsche Denker, der jahrzehntelang sein Schweigen zelebrierte, für den das Geheimnis zeitlebens zentral war, der sich unentwegt mit den vermeintlichen Arkanbereichen des politischen Handelns beschäftigte und für den jede tiefere Einsicht besonderes Eingeweihtsein voraussetzte, ausgerechnet also jener Carl Schmitt liegt heute so nackt vor der Nachwelt wie kaum ein anderer Intellektueller des 20. Jahrhunderts. Dreißig Jahre nach seinem Tod ist er ein Klassiker der politischen Theorie mit enormer Ausstrahlung auf Literatur- und Kulturwissenschaften weltweit.

Man kann seine zahlreichen Briefwechsel mit Zeitgenossen nachlesen, weitere Korrespondenzen dieses großen Kommunikators werden erwartet, mit dem Historiker Reinhart Koselleck und dem Verfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde zum Beispiel. Vor allem aber werden Schmitts Tagebücher nach und nach ediert, die er ein Leben lang in manischer Offenherzigkeit führte. Wer den Band über die Jahre 1930 bis 1934 liest, der erlebt einen ehrgeizigen Staatsrechtler in der Staatskrise der Weimarer Republik, der rastlos zwischen Vorträgen, Terminen, Salons und dem Reichsgerichtshof hin und her hetzt, Aufsätze und Karriere plant und in den Slots dazwischen sich zwanghaft mit aufreibenden Affären und Prostituierten verlustiert. Hemmungslos hasst Schmitt Juden; abends notiert er alles, auch die Weine, die er in erstaunlicher Menge konsumiert. Das Leben eines Besessenen, protokolliert von ihm selbst, zwecks Seelen- und Eingeweideschau.

Wie zerklüftet das Innenleben Carl Schmitts war, weiß man allerdings schon seit einem Vierteljahrhundert. Da erschien das Glossarium, sein neben dem normalen Tagebuch zusätzlich geführtes Denktagebuch aus den Jahren 1947 bis 1951. Der 1888 geborene Jurist hatte 1932/33 als Professor und politischer Berater in Berlin Hitler verhindern wollen, nach dessen Machtübernahme die Seiten gewechselt, wurde dann rasch Parteigenosse und Preußischer Staatsrat, engagierte sich massiv für die neue braune Ordnung – ein führender Rechtsgelehrter im "Dritten Reich", auch nachdem er 1936 von eifrigen Jungnazis kaltgestellt wurde, denen er noch zu sehr nach Weimar roch. Im Glossarium nun ließ eine Epochenwende später ein unbelehrbarer Schmitt seinen Ressentiments gegen die Emigranten und Alliierten freien Lauf und stilisierte sich als Opfer einer neuen Verfolgung; kein Wort des Bedauerns oder des Erschreckens angesichts des millionenfachen Mordes an den europäischen Juden.

Jetzt ist eine dringend nötige, erstmals komplette und kommentierte Neuauflage des Glossariums erschienen. Die neuen Herausgeber Gerd Giesler und Martin Tielke haben die Fehler, Verfälschungen und Streichungen der Ausgabe von 1991 getilgt. Und es sind Schmitts Notate von 1951 bis 1958 enthalten, die damals weggelassen wurden.

Was macht diese Neuauflage nun so bedeutend, über den Kreis der Schmitt-Experten hinaus? Wie in Martin Heideggers Schwarzen Heften lassen sich hier die intellektuellen Mechanismen studieren, mit denen die braun durchwirkten Meisterdenker die Jahre 1933 bis 1945 verarbeiteten. Schmitt, der 1945/46 in Nürnberg arretiert war, wehrt alles ab, oft in unerträglicher Suada. "Die viehischen Greuel der Besiegten" – der Deutschen – "und die viehische Rache" – durch die Alliierten – "für diese Greuel, das gleicht sich wirklich aus", notiert er im Februar 1950; im August 1949 mokiert er sich: "Genocide, Völkermorde, rührender Begriff; ich habe ein Beispiel am eigenen Leib erlebt: Ausrottung des preußisch-deutschen Beamtentums im Jahre 1945." Oft relativiert er – "Was war eigentlich unanständiger: 1933 für Hitler einzutreten oder 1945 auf ihn zu spucken?" (April 1949) – und schlägt wild um sich: "Die Emigranten sind unberechenbar und meistens partiell gestört in moralischer Hinsicht", glaubt er im Juli 1949; er sei hingegen "in der Wechsellage des Bürgerkriegs auf die besiegte Seite" geraten, wie er 1947 meint. Es ist ein bodenloses Buch mit diversen Antisemitismen, das da im sauerländischen Plettenberg in den Einkaufskladden seiner Frau Duschka entstanden ist. "Unwiderstehlich zieht es mich zu den Besiegten", meint Schmitt – davon haben seine jüdischen Bekannten und Kollegen 1933 leider nichts mitbekommen. Er ist sich seiner sicher: "Ich habe damals, in den Jahren 1933–36, mir und der Würde meiner Gedanken weniger vergeben, als Plato sich und seinen Gedanken durch seine sizilianischen Reisen vergeben hat."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 22 vom 19.5.2016.

Freilich blitzt oft die Gedankenschärfe Schmitts auf, häufig epigrammatisch: "Wenn das Wort ›Menschheit‹ fällt, entsichern die Eliten ihre Bomben und sehen sich die Massen nach einem bombensicheren Unterstand um." Er ist ein begnadeter "Begriffs-Ballistiker" (Schmitt über Schmitt), der die Widersprüche neuer Institutionen wie des Weltsicherheitsrats und neuer juristischer Termini wie "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" seziert. Ihn beschäftigen seine intellektuellen Dauerbrenner Staat, Macht, Großraum und Bürgerkrieg: Angesichts von Atombombe und kaltem Krieg zwischen Ost und West fühlt er sich darin nicht zu Unrecht aktueller denn je. Wie Heidegger sieht auch Schmitt eine Art planetarische Konstellation, die Auschwitz relativiert: der jahrhundertelange Dauerbürgerkrieg, gegen den nur ein Aufhalter, der Katechon, helfen würde. Immer wieder umkreist er seine Klassiker von Hobbes bis Hegel, Bruno Bauer und Max Stirner, aber er liest auch Bloch, Lukács, Henry Miller, Sartre. Als Kunde eines Zeitungsausschnittdienstes ist er bestens auf dem Laufenden, klebt viele Artikel ein. Einmal deutet sich Selbstkritisches an: Im Juli 1948 grübelt er über den "geheimen Willen zur Selbsttäuschung", zum "Billig-Spielen" tief in sich.

Im Quartett der bedeutenden Rechtsintellektuellen nach 1945 empfindet er sich neben Benn, Heidegger und seinem Briefpartner Ernst Jünger als einzige echte Pariagestalt; eifersüchtig registriert er, wie die anderen in der Bundesrepublik ankommen. "Der Gescheiterte ist der Gescheitere": Das ist Schmitts Credo in diesen Jahren – doch die mangelnde Selbsterkenntnis macht es zu einer Phrase, trotz kluger Einsichten dieses Besiegten. Zum Beispiel über die kommunistische Machtergreifung 1948 in der Tschechoslowakei: Er sieht die "Tragik in der Situation der Tschechen" gegenüber Stalin, die sich bewusst für den Westen entschieden hätten "und nun über die von wechselnden Regimen unabhängige Aktualität des Großraumproblems belehrt werden!". Wer dächte da heute nicht an die Ukraine? Seine oft erstaunliche Witterung beweist Schmitt, wenn eine neue intellektuelle Potenz auftaucht: Den 24-jährigen Jürgen Habermas, der 1953 in der FAZ Heidegger attackiert, ironisiert er sogleich mehrfach; in Schmitts selbst angefertigtem Register bekommt der freche junge Mann ein Stichwort.

Das Glossarium sei "ein Buch des Menschenhasses und des Zorns über die Welt": So befand Nicolaus Sombart in seiner ZEIT- Rezension 1992; er hatte das treffende "Bild eines in einer einsamen Blockhütte verschanzten Desperados" vor Augen. Der 2008 verstorbene Sombart war so etwas wie ein verlorener Sohn Schmitts, den er seit den dreißiger Jahren kannte; jetzt ist der Briefwechsel der beiden erschienen, ergänzt um die Korrespondenz mit dessen Vater, dem 1941 verstorbenen Soziologen Werner Sombart, sowie dessen Witwe Corina. Nicolaus Sombart hat oft die eigentümliche Wirkung Schmitts beschrieben: seine pädagogische Kunst, sich ernsthaft auf begabte junge Männer einzulassen, sie anzuregen, ihnen mit Wissen und Lektüren weiterzuhelfen – das erlebten mit ihm vor und nach 1945 viele angehende Denker, die der Antisemitismus ihres Meisters nicht verstörte, wohl auch, weil sie Schmitt Entscheidendes verdankten. In diesem Briefwechsel nun wird man Zeuge einer wechselseitigen Entfremdung in den sechziger und siebziger Jahren: Der Hallodri Nicolaus, der seit Berliner Kindertagen so viel von Schmitt profitierte, schreibt nie seine angekündigten kultursoziologischen Studien, während Schmitt zunehmend ratloser gegenüber diesem liederlichen Freigeist wird. Sombart emanzipiert sich umgekehrt: In Straßburg als Beamter des Europarats öffnen sich ihm intellektuelle Welten jenseits von Plettenberg; er durchschaut bald die Grenzen seines Mentors. Es bleibt das Faszinosum namens Carl Schmitt, dessen Pole auch heute intellektuelle Spannung erzeugen können: diagnostische Geistesblitze einerseits, die weltpolitische Krisenlagen und historische Konstellationen erhellen – und andererseits seltsame Sackgassen eines beschädigten Denkens, das blind ist für moralische Abgründe und zutiefst misstrauisch gegenüber der Freiheit.

Schmitt und Sombart. Der Briefwechsel von Carl Schmitt mit Nicolaus, Corina und Werner Sombart; hrsg. v. Martin Tielke, Gerd Giesler; Duncker & Humblot, Berlin 2016; 263 S., 39,90 €, als E-Book 35,90 €

Carl Schmitt: Glossarium. Aufzeichnungen aus den Jahren 1947 bis 1958; erweiterte u. berichtigte Neuausg. hrsg. v. Gerd Giesler u. Martin Tielke; Duncker & Humblot, Berlin 2015; 557 S., 69,90 €