An einem Donnerstag um zwölf Uhr mittags fliegt der Bürgerkriegsveteran Christian Haller nach London, um einen Vortrag an der Universität von Oxford zu halten. Die Menschen im Flugzeug tragen graue und blaue Anzüge. Er hat einen Kapuzenpulli an. Seine Camouflage-Sporttasche von Nike hat er ins Gepäckfach geschoben. Er ist müde. Anfang der Woche hat er die Reste seines alten Lebens quer durch Deutschland gefahren. Einige Kisten, ein paar Säcke Kleidung, seinen Schreibtischstuhl. Seine Ex-Freundin, von der er sagt, dass er niemals jemanden so geliebt hat wie sie, hatte die Sachen aus ihrem Haus geräumt und in die Garage seiner Schwester gebracht. Da lagerten sie, während er in Syrien mit den Kurden gegen den Islamischen Staat kämpfte, den sogenannten Islamischen Staat, das vergisst er nie davorzusetzen. Draußen schrumpft Berlin, sein neues Zuhause. Er ist jetzt ein halbes Jahr zurück in Deutschland. Sein Leben sollte weitergehen. Er weiß nur noch nicht genau, wie.

Es gibt Tage, an denen wünscht er sich zurück in den Krieg. Gestern war so ein Tag. Er las von einem Deutschen, der gestorben war, als er mit den Kurden eine Stadt zurückeroberte. Er denkt dann an die Sonne, wie sie über der Wüste aufgeht. Tee am Lagerfeuer. Hinten auf dem Pick-up-Truck an die Front fahren. Metal in den Ohren. No One Gets Left Behind von Five Finger Death Punch.

Christian Haller, 31 Jahre alt, Zivildienst in der Küche eines Altersheims, hatte niemandem Bescheid gesagt, sich von niemandem verabschiedet, nur von Lenny, seinem Hund. Er hatte sich über Facebook bei der YPG gemeldet, der kurdischen Miliz in Syrien. Er war von München nach Suleimanija im Nordirak geflogen, wo sie ihn abholten und nach Rojava brachten, in die autonomen kurdischen Gebiete. Am Flughafen hatte er noch einen Abschiedsbrief an seine Freundin eingeworfen. Sie solle sich keine Sorgen machen. Es sei ihm, sagt er, bei alledem auch darum gegangen, europäische Werte zu verteidigen. Die Aufklärung, das habe ihm in der Schule am besten gefallen.

Der Flug mit British Airways nach London-Heathrow dauert zwei Stunden. Haller sieht fast die ganze Zeit aus dem Fenster, die Hände im Schoß. Er sagt, er sei einer, der die Dinge gern mit sich selbst ausmacht. In Oxford soll er bei der German Society von seiner Zeit in Syrien erzählen. Er, der Eventmanager mit dem abgebrochenen Wirtschaftsstudium.

Während er in Syrien war, hat ein Reporter für die ZEIT ein Porträt über ihn geschrieben. Es handelte von einem, der zum Kämpfen gekommen war, aber dann nur unwichtige Frontabschnitte bewachen durfte. Er nannte sich damals Hans Schneider. Als er zurück war, hat die Bild am Sonntag ihm Geld für ein Interview bezahlt, später der riva Verlag für ein Buch. Es heißt Sie nannten ihn Held. Er nannte sich nun Christian Haller. Er gab Interviews im Radio und im Fernsehen. Die Leute fragten: Warum hastn dat gemacht? Haste ein’ umgebracht?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 22 vom 19.5.2016.

Kurz nachdem er zurück war, fuhr er mit seinen alten Schulfreunden aus der Eifel auf ein Metal-Festival. Es war einer der heißesten Sommertage. Etwas abseits saßen sie auf einer Schaukel. Eine Freundin fragte: Wie viele Menschen hast du getötet? "Marie, so was fragt man doch nit", sagte er. Ansonsten war alles wie immer.

In Syrien schläft er auf Matten auf dem harten Boden, in Zeltcamps und Wüstendörfern. An Zigaretten kommt man oft leichter als an Gemüse. Mit den kurdischen Kämpfern unterhält er sich über Google Translator. Er versucht auch, Kurdisch zu lernen, indem er auf Dinge deutet und sich ihren Namen notiert. Als er zum ersten Mal eine Kalaschnikow zusammenbaut, braucht er dreißig Sekunden. Er hat sich das zu Hause auf YouTube angesehen. "Almani, okay", rufen die Kameraden begeistert. Nächtelang starrt er in die Dunkelheit, bevor er zum ersten Mal das Feuer auf den IS eröffnet. Der IS ist da irgendwo im Dunkeln. Nah und doch sehr weit weg. Er feuert mit einer AK-47. Er hat das Gefühl, dass sich in ihm etwas löst.

Sie seien anfangs sehr geschockt gewesen, erzählen seine Freunde. Eine Zeit lang galt er als verschwunden. Es kursierte das Gerücht, er sei als Terrorist zur PKK gegangen. Wenn er jemals zurückkomme, dann direkt ins Gefängnis. Als er sich irgendwann über Facebook meldete, begriffen sie langsam, was er in Syrien vorhatte. Sie fragten sich, ob er auf der richtigen Seite stand. "Ich wusste aber gar nit, was die richtige Seite war", sagt einer von ihnen, der auf einem Amt arbeitet.

Nach einigen Monaten als Kämpfer verdirbt Haller sich den Magen so schwer, dass er mit Fieber in ein zerbombtes Krankenhaus eingeliefert wird. Er brüllt die Ärzte an, weil sie ständig die Türen knallen. Danach will er aufgeben, zurück zu seiner Freundin. Aber die Kommandanten verstehen ihn nicht, vielleicht wollen sie auch nicht. Er muss wieder an die Front.

Er bleibt. Sieben Monate insgesamt. Als er schließlich zurück nach Deutschland will, wirklich jetzt, läuft er einfach los, quer durch die Wüste. Sie finden ihn, halb verdurstet, und er darf nach Hause.

Seine Freundin hat sich in der Zwischenzeit von ihm getrennt. Um neu anzufangen, sucht er sich ein neues Zuhause: Berlin. Es geht gut los. Er mag die offene Großstadt. Nur in der Facebook-Timeline sieht er die kurdischen Kameraden sterben.