Ein Retter in höchster Not, so will es den Anschein haben, ist gefunden. Die gedemütigten Sozialdemokraten können nun erwartungsfroh zu einem neuen Vorsitzenden aufschauen. Die schwer angeschlagene Regierung darf auf einen neuen Chef vertrauen. Kommt jetzt frischer Schwung in den müden Trott des Regierungsapparats? Wird der neue Kapitän gar das Ruder herumreißen können? Christian Kern, dem agilen und cleveren Mann aus dem Management, wollen das alle zutrauen. Eben noch Chef des Milliardenkonzerns ÖBB, jetzt bereits Heilsbringer für ein verunsichertes Land.

Hat da also gerade ein roter Messias die Bühne betreten, einer, der das Wunder der politischen Wiedergeburt wirken kann? Nein, auch er könne nicht über Wasser wandeln, versicherte der Kanzler, noch bevor er angelobt war, schon bei seinem ersten Auftritt. Aber er habe sich hier nicht auf ein kurzfristiges Abenteuer eingelassen, sondern sich ein Zehnjahresprojekt vorgenommen, einen Mix aus Zuversicht, Prinzipientreue und wachem Möglichkeitssinn. Kern weiß natürlich, welch große Bürde an Erwartungen er sich aufgeladen hat. Er ahnt wahrscheinlich, wie flüchtig die Chance ist, diese wieder einmal "letzte Chance" zu einem glücklichen Ende zu bringen. Es ist kein Himmelfahrtskommando, es ist ein Achternbusch-Kommando: Nutze, was du nicht hast. Christian Kern ist sichtlich geschmeichelt, dass man ihn dazu auserkoren hat, diese Patrouille der Chancenlosen ins Ungewisse zu führen.

"Es kommt darauf an, das Hoffen zu lernen. Seine Arbeit entsagt nicht, sie ist ins Gelingen verliebt statt ins Scheitern", heißt es im Vorwort von Prinzip Hoffnung von Ernst Bloch, der großen philosophischen Untersuchung zur konkreten Utopie, die in "Wunschbildern des erfüllten Augenblicks" mündet. Das ist die große Herausforderung, die auf Christian Kern zukommt: wider besseres Wissen die Hoffnung nicht zu verlieren.

Vielleicht geht die Euphorie des ersten Augenblicks schon nach wenigen Tagen verloren, verwandelt ein überdeutlicher Sieg des freiheitlichen Kandidaten bei der Präsidentschaftswahl die derzeit hoffnungsfrohe Aufbruchsstimmung in die bange Zukunftsfrage: Was nun? Vermutlich wird aber auch ein Blauer in der Hofburg nur eine kleine Delle in den schimmernden Harnisch des neuen Kanzlers klopfen. Tempi passati, kann er sagen, jetzt gehen wir’s erst richtig an.

Doch da türmt sich schon das nächste Problem: Es bleibt nicht viel Zeit. Im verquarkten Regierungsbetrieb verlangt derzeit schon jeder Trippelschritt der Veränderung eine zeitraubende Kraftanstrengung, es gibt kein funktionierendes System von checks and balances, nichts, was sicherstellt, dass aus duftigen Worten auch herzeigbare Taten werden. Irgendwie muss Christian Kern versuchen, der Todesspirale folgenloser Ankündigungen zu entrinnen. Sonst verrinnt nur die kostbare Zeit, in der seine Vorschusslorbeeren noch saftig grün sind, und am Ende erlahmt auch der Elan des schnittigen Slim-fit-Kanzlers.

Die größte Gefahr lauert aber in der Regierung selbst. Bei seinem Koalitionspartner wird Kanzler Kern wohl nur mit einer bedingten Bereitschaft zur Zusammenarbeit rechnen dürfen. Christian Kern muss wissen: Du sollst der Volkspartei nicht trauen, selbst wenn sie Geschenke bringt. Der (wieder einmal) neue Kooperationsgeist, der nun beschworen wird, dürfte sich alsbald als Danaergeschenk entpuppen. Dutzende kleine Quälgeister werden ihm entsteigen, die einer Sozialdemokratie, die auf Erfolgskurs schwenken will, das Leben schwer machen – schon aus Eigeninteresse, wie sie meinen.

Selbstbewusst hat Christian Kern von Anfang an den Führungsanspruch für seine Partei beansprucht – etwas, was bei seinem glücklosen Vorgänger als kabarettistische Einlage durchgegangen wäre. Bislang erinnerte die Koalitionsspitze an zwei Ertrinkende, die sich aneinanderklammerten. Nun stürzt sich Christian Kern wie ein Rettungsschwimmer in diese See von Plagen. Schwer vorstellbar, dass ihm die Volkspartei den Ruhm des Lebensretters freiwillig überlässt. Gemeinsam untergehen wäre auch eine Option.