DIE ZEIT: Frau Ministerin, waren Sie auch mal Freizeitforscherin, bevor Sie Mathematikprofessorin wurden?

Johanna Wanka: Meine Liebe galt immer der Literatur und der Natur. Aber zu DDR-Zeiten war es ja nicht erlaubt, so ein Interesse organisiert zu vertiefen. Selbst Briefmarkensammler wurden kontrolliert. Dabei hätten Bürgerwissenschaftler einiges herauskriegen können.

ZEIT: Was zum Beispiel?

Wanka: In unserer Chemieregion Leuna-Buna-Bitterfeld waren die Statistiken über Atemwegserkrankungen alle unter Verschluss. Wenn da Eltern die Krankheitsdaten ihrer Familien ausgewertet hätten ... Auch mein Mann ist Allergiker geworden in der Region, nach der Wende kam belastbar ans Licht, dass er nicht der Einzige war. Erst nach 1989 gab es im Osten auch eine regelrechte Bewegung der Heimatforschung.

ZEIT: Ganz neu sind Wissenschaftsläden oder Geschichtswerkstätten ja nicht. Warum kommt Citizen-Science so in Mode?

Wanka: Menschen, die sich als Forscher engagieren, hat es schon immer gegeben. Aber durch die neuen Kommunikationstechnologien bekommt diese ehrenamtliche Arbeit eine größere Dimension. Der schnelle Datenaustausch ermöglicht eine viel bessere Vernetzung der Bürgerwissenschaftler, untereinander und auch mit Universitäten und Forschungsinstituten.

ZEIT: Die Zahl solcher Kooperationen zwischen Privat- und Profiforschern steigt laufend. Warum will auch Ihr Ministerium sie künftig fördern?

Wanka: Weil immer mehr Menschen das Bedürfnis haben, Politik und Wissenschaft mitzugestalten. Umgekehrt können auch die Wissenschaftsprofis der Zivilgesellschaft mehr über die Chancen und Risiken in der Forschung vermitteln und die Ideen der Bürger nutzen, wenn beide gemeinsam in Projekten arbeiten. Citizen-Science ist ein Win-win-Projekt – wenn man das richtig steuert.

ZEIT: Wie denn?

Wanka: Wir unterstützen die Plattform "Bürger schaffen Wissen". Dort kann sich jeder über konkrete Projekte informieren. Derzeit planen wir eine spezielle Förderung für Forschungsvorhaben, die Ehrenamtliche einbeziehen und gesellschaftlich relevanten Fragestellungen nachgehen.

ZEIT: Ist denn die Arbeit von Laien professionell genug?

Wanka: Gerade über dieses Zusammenspiel von Laien und Profis wollen wir in den Projekten mehr lernen.

ZEIT: Es wird als Form der Partizipation angepriesen. Ist das nicht allzu hochtrabend, da Ehrenamtliche vor allem als Datensammler eingespannt werden?

Wanka: Wenn Leute melden, dass sie drei seltene Vögel entdeckt haben, dann tragen sie durchaus etwas bei. Aber darüber hinaus haben sich viele idealistische Tüftler ein geniales Spezialwissen erarbeitet, und das sollen sie auch einbringen, wenn die Forschungsfragen entwickelt werden. Allerdings: Auch die Grenzen solcher Beteiligung müssen ganz klar sein.