Entweder man gibt auf – oder tritt einem Orden bei. Gibt es das eigentlich? Untersuchungen zum anderen Leseverhalten bei extrem dicken Büchern? Ab welcher Seite (600, 700, 800?) schwappt die Bewunderung für den großen Wurf endgültig über und ersäuft den letzten Erwartungsrest an Stimmigkeit oder Ökonomie? Ab wie vielen mit den Figuren verbrachten Wochen werden die Dialoge egal, und es greifen die von menschlichen Bekanntschaften vertrauten Nostalgiereflexe ("Mensch, Mercer, weißt du noch: Die ganze Truppe hinten im Rucksack auf den Pisten des Arlbergs. Und jetzt kann man schon im See baden, und du und William, ihr habt’s immer noch nicht auf die Reihe gekriegt?"). Und dann, wenn man nach fast 1100 Seiten (inzwischen haben’s Mercer und William doch hingekriegt) dieses Monstrum von Buch schließlich zuschlägt und dem Autor Applaus spendet, klatscht man da nicht, irgendwie, auch sich selbst zu, weil man es geschafft hat?

Selbstverständlich ist City on Fire, das New-York-Epos der Stunde, geschrieben von dem bis dato unbekannten Garth Risk Hallberg, mehrere Hundert Seiten zu lang. Und natürlich sorgt die Konstruktion – Hallberg springt zwischen ungefähr zwölf Perspektiven – mitunter für scheinbar stehendes Erzählgewässer. Sicher, es gibt Sätze, über die man sich amüsieren kann. Kaum war das Buch des heute 36-jährigen Autors im letzten Jahr in den USA erschienen, legte eine Gemeinde der Hämischen im Internet eine Liste mit den 50 schlimmsten Sätzen an. Platz eins: "Große Rollen Toilettenpapier fliegen wie Ejakulat im hohen Bogen durch die schwarzen Ahornbäume." Na gut. Aber hätte sich jemand diese beckmesserische Mühe gemacht, wenn für dieses Buch nicht ungeheuerliche zwei Millionen Dollar Vorschuss geflossen wären? Und ja, bestimmt übertreibt es Hallberg auch mit dem Anspruch, eine Totalität abbilden zu wollen wie die Romane des 19. Jahrhunderts.

Das spielt aber, letztlich, überhaupt keine Rolle. Denn das, was in City on Fire die Mängel spielend wettmacht, sind Hallbergs wunderbare Figuren, für die einem allerdings nur altertümliche Zuschreibungen wie anrührend oder zu Herzen gehend oder sympathisch bodenständig einfallen. Denn die Figuren machen die Megalomanie nicht mit! Ob korrupte Immobilienspekulanten, drogensüchtige Punkmusiker oder alleinerziehende Mütter – der Radius ihres Handelns, Leidens und Sehnens bleibt sympathisch bescheiden. Alles zusammen, inklusive eingefügter Briefe, abgedruckter Fanzines und diverser Binnenerzählungen, mag ein monumentales Weltstadtpanorama ergeben, aber jede einzelne Passage führt immer wieder neu in die dörflich überschaubare Innenwelt eines Menschen wie du und ich. Selbst der Hauptbösewicht, von allen nur "Dämonenbruder" genannt, offenbart am Ende in einer knappen Flughafenszene den mitleiderregenden Abgrund seiner Einsamkeit.

Ein New-York-Roman, in dem die Figuren keinen "Hey, das ist New York!"-Nimbus mit sich herumschleppen – das ist schon das simple, aber über tausend Seiten tragende Geheimnis dieses Buches. Die Handlung konzentriert sich auf die erste Hälfte des Jahres 1977. Die Stadt ist bankrott, und die Immobilienpreise sind so gefallen, dass die Eigentümer den eigenen Besitz abfackeln, um die Versicherungssumme zu kassieren. Parks und ganze Straßenzüge sind zu No-go-Areas verkommen, in denen Serienmörder wie Son of Sam ihr Unwesen treiben. Tiefpunkt war damals ein langer Stromausfall in einer brütend heißen Julinacht, worauf die Stadt in Chaos und Gewalt versank. Jene Zeit allerdings wird heute gern verklärt, denn damals war New York noch nicht durchgentrifiziert, Hip-Hop war gerade erfunden, und in jeder leer stehenden Fabrikhalle malte ein begnadeter Jungkünstler vor sich hin.

In dieses Gebrodel aus elitärer Verkommenheit, Gewaltbereitschaft und künstlerischer Aufbruchsstimmung lässt Hallberg in der Silvesternacht ein paar Schüsse fallen, woraufhin die 20-jährige Samantha, Tochter eines italienischen Einwanderers und leidenschaftliche Fanzine-Schreiberin, ins Koma fällt. Alle Figuren haben eine Verbindung zu Sam und dem Fall, dessen Auflösung dem Buch seine lose, übergeordnete Struktur verleiht.

Dysfunktionale Familienkonstellationen spielen eine dominante Rolle: Da sind zum Beispiel die Geschwister Regan und William Hamilton Sweeney, schwer gebeutelte Erben der schwerreichen Hamilton-Sweeney-Dynastie. Während der homosexuelle William, Maler und Ex-Punk-Musiker, vor Ewigkeiten in die subkulturelle Boheme abgetaucht ist und seitdem nichts mehr von sich hören lässt, hat Regan gerade ihren fremdgehenden Ehemann verlassen. Was ist Regan für eine tolle, weil hoffnungslos zerrissene Figur am Rande des Nervenzusammenbruchs! Einerseits will sie keine Superreiche sein und hat ihren Firmenanteil den Kindern überschrieben, gleichzeitig fühlt sie sich dem dement werdenden Vater verpflichtet und nimmt den Kampf gegen den schon erwähnten Strippenzieher an. Da ist Mercer, der junge afroamerikanische rechtschaffene Lehrer vom Land, der eigentlich nach New York gekommen ist, um den großen amerikanischen Roman zu schreiben, und sich stattdessen in den rätselhaften William verliebt.

Und da ist vor allem Charlie Weisbarger, ein adoptierter jüdischer Junge aus Long Island, der seit dem Tod seines Vaters zu prophetischen Verschwörungstheorien neigt. Vor den Schüssen war er für ein paar glückliche Tage mit Samantha zusammen und wurde von ihr in eine Kommune der sogenannten Post-Humanisten an der Lower East Side eingeführt. Diese Post-Humanisten zelebrieren, zum Soundtrack von Patti Smith, nicht nur ihr prekäres nihilistisches Abhängleben; vor allem ein gewisser Nicky entwickelt auch nebulöse Aktivitäten, deren Perfidie der des "Dämonenbruders" am anderen Ende der gesellschaftlichen Leiter in Nichts nachsteht. So gibt es nicht nur familiäre und Liebesverbindungen zwischen oben und unten, sondern auch kriminelle.

Doch die Szenen, die sich vor allem ins Gedächtnis einbrennen, sind die auf den ersten Blick unscheinbaren, die, an denen sich große Konflikte im Kleinen offenbaren. Wie Regan bei der routinierten Übergabe der Kinder an ihren Noch-Ehemann auf einem Spielplatz schockiert merkt, dass sie ihm die Affäre längst verziehen hat, aber keinen Weg findet, um ihren Stolz zu überwinden. Wie der erschöpfte Kommissar Pularski in der abendlichen Ruhe seines heruntergekommenen Hauses mit seiner Frau einen Umzug bespricht und beide wissen, dass er nicht stattfinden wird – weil Pularski niemals aufhören wird zu arbeiten, auch wenn ihn das die Ehe kostet. Im Entwickeln und Ausloten solcher psychologisch feinen Spannungen zeigt sich Hallbergs schriftstellerische Reife.

Der letzte Teil erzählt auf hundertfünfzig Seiten die Nacht des großen Stromausfalls am 13. Juli 1977. Kinder irren durch menschenüberfüllte Straßen, erwachsene Söhne sagen ihren Vätern, was sie schon immer sagen wollten, und spontan geschlossene Notgemeinschaften kraxeln durch den 40. Stock eines Hochhauses, während ein Vogelschwarm seine mystischen Kreise zieht, denn "im Dunkeln liegt alles erstaunlich nah beieinander".

Es ist geradezu großartig, wie Hallberg jetzt Stränge zu ihrem überraschenden Ende führt oder Konstellationen engführt. Andererseits hinterlässt die große Versöhnung, auf die es schließlich hinausläuft, doch ein leichtes Gefühl der Enttäuschung. "In der Dunkelheit lassen sich die Bohemien-Penner kaum noch von den Kleinbürgern unterscheiden – genauso wenig kann er sagen, zu welchem Lager er selbst gehören könnte. Es ist, als hätten die beiden Hälften endlich zusammengefunden und als seien sie, wie bei kollektiver Intelligenz zumeist, auf Wiedervereinigung aus."

In der Wirklichkeit des Jahres 1977 kehrte der große Blackout die schlimmen Seiten der New Yorker Menschen hervor. Bei Hallberg sollen es partout die guten Seiten sein. Das ist – bei aller Leserliebe – vom Guten etwas zu viel.

Garth Risk Hallberg: City on Fire. Roman; aus dem Amerikanischen von Tobias Schnettler; S. Fischer, Frankfurt a. M. 2016; 1080 S., 25,– €, als E-Book 21,99 €