Der größte – und zum Glück immer noch lebende – deutsche Fotograf saß in seinem Studio in Wedding vor dem Computer und hatte wahnsinnig schlechte Laune. "Hallo, Daniel", sagte ich. "Hm", sagte er und schaute mich nicht an. Dann drehte er den Kopf doch zu mir, und ich guckte in sein schmales, alt gewordenes Skater-Gesicht. "Wir müssen nicht reden, wenn du nicht willst", sagte ich. "Ja, lieber nicht", sagte er. "Ich hab’ keine Ahnung, wie ich die nächsten drei Tage überstehen soll. Dieser verdammte Studio-Sale!" Dann zog er mit der rechten Hand eine Marlboro aus der zerdrückten Zigarettenschachtel und steckte sie sich umständlich an. Seine linke Hand lag dabei wie tot auf seinem Oberschenkel, denn sie war, wie der größte Teil seiner linken Körperhälfte, seit dem idiotischen Schlaganfall vor vier Jahren gelähmt.

"Wie lange wohnst du jetzt schon in Wedding?", sagte ich vorsichtig. Er sah mich noch wütender an und sagte: "Mann, hör auf, ich hab’ Schmerzen!" – "Ich wollte nur sagen", sagte ich, "dass ich es hier ziemlich gut finde. Also das, was ich vom Taxi aus gesehen habe." – "Ich nicht!", sagte er. "Schon gut", sagte ich, "ich guck’ mir jetzt die Fotos an. Welche sind es denn?" – "Du kannst", sagte er, "fast alles kaufen, was du hier siehst." Dann wandte er sich wieder dem Computer zu, auf dem seine eigene Website geöffnet war.

Hunderte, vielleicht sogar Tausende von Fotos, die Daniel in den letzten drei Jahrzehnten gemacht hatte, lagen auf dem Boden seines neuen Studios herum. Es waren kleine und mittlere Formate, aber es gab auch ein paar sehr große, gerahmte Abzüge, die er an die Wände gehängt oder einfach dagegengelehnt hatte: Auf einem war Daniel selbst, wie er, als er noch gesund war, auf einen gigantischen Mercedesstern kletterte. Auf einem anderen waren die Klitschkos, beide mit Schnurrbart, die wie zwei schwule ukrainische Crossdresser aussahen, auf einem Plüschsofa mit Schoßhund. Und dort hinten hing riesengroß die ehemalige Göring-Villa auf Sylt, vor der Daniel, bevor er auf den Auslöser gedrückt hatte, heimlich die israelische Flagge aufgezogen hat. Das Bild war von 2007 und hieß More Jewish Settlements on the Sylt Strip, daran konnte ich mich noch erinnern.

Während ich kniend die Fotos auf dem Boden durchschaute, dachte ich daran, wie lange Daniel und ich uns schon kannten, zwanzig Jahre mindestens. Meistens verstanden wir uns nicht so gut, keine Ahnung, wieso, vielleicht weil zwei sture Juden es immer ein bisschen schwer miteinander haben. Nach seinem Schlaganfall hatte ich ihn einmal in seinem alten Studio in der Bergstraße besucht, in diesem kleinen, unrenovierten Haus im schönsten Hinterhof von Mitte, und das war das erste Mal, dass wir beide wirklich freundlich zueinander waren.

"Du liegst da auch irgendwo", hörte ich plötzlich Daniel sagen. Er hatte sich aus seinem Schreibtischstuhl hochgequält und stand jetzt, an seinen Rollator gelehnt, zitternd hinter mir. "Wirklich? Toll", sagte ich, dabei war es mir völlig egal. Ich wollte kein Bild kaufen, schon gar nicht eins, auf dem ich selbst drauf war, ich wusste noch nicht mal, wie die Fotos aussahen, die Daniel vor Jahren von mir gemacht hatte. Ich wollte ihn einfach nur besuchen. Ich wollte ihm zeigen, dass ich ab und zu an ihn dachte. Ich wollte nach den vielen Jahren am Schreibtisch endlich mal raus, und als ich an diesem Morgen im ZEITmagazin seine neuen Jerusalem-Fotos entdeckt und kurz danach zufällig auch noch auf Facebook gesehen hatte, dass er bei sich im Atelier einen großen Schlussverkauf machte, dachte ich, auf nach Wedding, ich habe sowieso gerade nichts anderes zu tun.

"Nimm die beiden Fotos!", sagte Daniel. Ich hielt gerade zwei Bilder aus seiner berühmten MTV-Kampagne von 1995 in der Hand, schwarzweiß, ziemlich groß, und die drei jungen Mädchen, die man auf ihnen sah, waren zwar angezogen, aber sie schauten so in die Kamera, als wären sie vollkommen nackt und sehr glücklich und sehr traurig zugleich, keine Ahnung, wie Daniel das gemacht hatte. "Was kosten sie?", sagte ich. Daniel sagte mir den Preis für beide, und als ich wissen wollte, was er für eins wollte, sagte er wütend: "Beide oder gar keins!"

Von Daniels Studio zum nächsten Bankautomaten und wieder zurück waren es keine zwanzig Minuten, aber ich brauchte fast eine Stunde. Ich ging – langsam, staunend und immer genervter – zur Triftstraße vor, von dort bog ich in die Müllerstraße ein und lief langsam zum Leopoldplatz. Es war der erste Frühlingstag des Jahres, einer von diesen Tagen, an denen man zu warm angezogen ist und entweder schwitzt oder friert. Vor einem Spätkauf saßen mittags um eins fünf Männer mit dunklen Salafistenbärten und redeten über das letzte Hertha-Spiel. Junge Frauen mit Kopftüchern, die so schön und sexy aussahen wie die jungen Frauen auf Daniels Fotos, redeten leise in die Headsets ihrer Telefone hinein und schoben ihre Kinderwagen erschöpft in den Eingang von Woolworth. Zwei alte deutsche Junkies ohne Zähne standen vor der Stadtsparkasse und hielten hilflos und stumm die Gesichter in die Sonne.