Christoph Marthaler ist ein Hypnotiseur. Seine Inszenierung von "Glaube Liebe Hoffnung", des 1930 von Ödön von Horváth geschriebenen Stücks, ist eine einzige Entschleunigungsübung. Sie verlangsamt unseren alltäglichen Rhythmus derart radikal, dass man unweigerlich nervös wird, und es braucht eine gute Stunde, bis man sich daran gewöhnt hat. Man sieht sich in einen anderen Kosmos versetzt, wo die herkömmliche Zeitrechnung nicht mehr gilt. Links oben im Bühnenbild blinkt eine rote Digitaluhr. Manchmal wechselt sie die Ziffern im Minutentakt, dann wieder bleibt sie stehen, springt um Stunden zurück oder voraus.

Zu Beginn trägt ein Arbeiter eine Leiter über die Bühne, lehnt sie an die Fassade eines unansehnlichen Gelbklinkerbaus und versucht, die heruntergefallenen Buchstaben der Inschrift "Anatomisches Institut" wiedereinzusetzen. Der Mann arbeitet derart langsam, dass man versucht wäre, ihm beizuspringen, hätte einen der Schlaf nicht fast schon übermannt. Doch plötzlich, beim Herabsteigen, brechen die Sprossen der Leiter entzwei, und unser Mann kann sich eben noch retten. Allgemeines Lachen und Aufatmen.

Jetzt erscheint Elisabeth, die Heldin des Stücks. Sie klingelt den Präparator des Instituts heraus und will ihm ihre Leiche verkaufen. Sie braucht das Geld für einen Wandergewerbeschein.

Horváths zeitkritisches Drama erzählt die Geschichte eines unaufhaltsamen sozialen Abstiegs, verursacht durch einen Staat, der nach der Devise verfährt: Krieg den Hütten, Friede den Palästen!

Elisabeth wird noch ein kleines Glück mit dem Polizisten Alfons erleben. Er hat es auch nicht leicht. Gestern erst, so sagt er, habe einer der Kameraden mit dem Leben büßen müssen. Elisabeth: "Es müssen halt immer wieder Unschuldige dran glauben." Der Schupo: "Das lässt sich nicht umgehen in einem geordneten Staatswesen." Solche Sätze bringt Marthaler zu einem finsteren Leuchten. Weil Elisabeth ihrem Liebhaber verschwiegen hat, dass sie wegen einer Lappalie vorbestraft ist, trennt er sich von ihr, und sie geht ins Wasser.

Marthaler dreht die politische Botschaft ins Zeitlose und führt uns durchs wilde Absurdistan. Das Normale erscheint monströs, das Traurige komisch und die Wirklichkeit wie ein Traum. Immer wieder lässt er zentrale Szenen Wort für Wort wiederholen. Die Rolle der Elisabeth ist doppelt besetzt (Olivia Grigolli und Sasha Rau), und immer wieder stockt die Handlung, bricht sich in der Spiegelung, verdunstet schließlich in der Stille. Und immer wieder versammelt sich die Truppe zum Singen. Zuweilen singt sie so leise und so flüsternd, dass man nicht weiß: Singt da wirklich wer? Ist es bloß Einbildung?

Wir befinden uns im Reich der Schatten. Marthalers Geisterschiff segelt in die einbrechende Dämmerung. Das Licht ist trübe, das Interieur atmet die Tristesse eines Finanzamts, die Farben sind gelblich, bräunlich, grünlich. (Das Bühnenbild stammt wie immer bei Marthaler von der genialen Anna Viebrock.) In dieser Welt des abgestorbenen Kleinbürgers lebt nichts mehr. Nur noch Erinnerungen an das Leben flackern auf.

Die Schauspieler sind grandios, vor allem die unvergleichliche Irm Hermann, die man schon vor fast einem halben Jahrhundert in zahllosen Fassbinder-Filmen sah. Sie spielte bereits damals die alte Jungfer, und wenn sie auf die Bühne kommt, wird es sofort ein paar Grade kälter. Josef Ostendorf, die quirlige Tonne im geräumigen Anzug, spielt ihren Herrn Gemahl, und wenn er mit ihr tanzt, ist das ein einziger Übergriff, dem sie sich kokett entwindet. Ueli Jäggi gibt den rechtschaffenen Schupo, und sein Pas de deux mit Olivia Grigolli ist die schönste Inkarnation der Goetheschen Zeile "Halb zog sie ihn, halb sank er hin", die man sich denken kann.

Leicht erschöpft, leicht benebelt und doch seltsam beglückt tritt man nach dreieinhalb Stunden auf die Straße hinaus, wo alles so ist wie gewohnt.

Weitere Aufführungen: 5. 6. und 30. 7., jeweils um 18 Uhr, 10. 6. um 19.30 Uhr