Warum hat der russische Videoartist Sergej Lasarew beim Eurovision Song Contest (ESC) gegen die ukrainische Volksschmerzkünstlerin Jamala verloren? Am Publikum hat es nicht gelegen. In zehn Ländern gaben die Zuschauer ihm zwölf Punkte, darunter die keinesfalls der Russlandversteherei verdächtigen Estland und – Ukraine. Es waren vielmehr die Expertenjurys, die der Stimme der Unterdrückten zum Sieg verhalfen. Zeigte sich hier wieder die viel beklagte Volksferne der Eliten? Es sollte jedenfalls nicht wundernehmen, wenn dem Schlagwort von der Lügenpresse in Kürze das Schlagwort von der Lügenjury folgen würde.

Man kann die Politisierung, besser wohl: Moralisierung des ESC beklagen, darf aber den Anteil der Musik daran nicht unterschlagen. Neunzig Prozent der Lieder ähnelten sich wie ein Aal dem anderen: glatt, glatt, glatt. Preiswürdige Unterschiede lassen sich da nur noch nach Sympathie (aufseiten des Publikums) oder nach Gesinnung (aufseiten der Jury) ermitteln. Dass beide so kräftig auseinanderstreben, hat mit dem Wesen aller Moral zu tun. Was cool ist, hat noch nie den Lehrern gefallen.