Ein Arm ist gebrochen, der Blutdruck liegt bedenklich hoch. Egal, welches Leiden einen Menschen quält: Im Augenblick der Diagnose wünscht sich der Patient, dass ihm der Arzt hilft, bald wieder gesund zu werden. Doch was genau heißt "gesund werden"? Das scheint doch klar zu sein: die Knochen richten, damit der Arm wieder so funktioniert wie vorher.

Aber schon beim nächsten Beispiel wird es knifflig. Mit zu hohem Druck in den Adern fühlen sich viele Menschen zwar wohl, er macht sie auf Dauer trotzdem krank. Deshalb zielen die bestehenden Behandlungsleitlinien darauf ab, möglichst normale Werte zu erreichen. Der Blutdruck wird also auf ein statistisch unbedenkliches Niveau gesenkt. Ohne den strammen Druck auf den Adern fühlt sich mancher Patient jedoch vorübergehend schlechter als vorher. Einige brechen die Therapie womöglich sogar ab. Wer hat also nun recht: die Statistik des Arztes oder der fühlende Patient?

Schon heute finden sich viele Mediziner und Patienten in dieser Zwickmühle wieder, in der Zukunft werden sie es noch häufiger sein. Denn das Gesundheitssystem steckt in einem ökonomischen Korsett: Um Kosten zu sparen, sollen Behandlungen möglichst effektiv sein. Das lässt sich am besten erreichen, indem der Arzt nur Verfahren wählt, die statistisch abgesichert die besten Heilerfolge haben. Die Daten für die entsprechende Therapie liefert die sogenannte evidenzbasierte Medizin (EbM), die ihre normative Kraft aus zahllosen Studien mit Tausenden von Patienten bezieht. Doch dann sagt der Kranke zu seinem EbM-gestählten Hausarzt: "Mag alles sein, aber mir schlagen die Pillen furchtbar auf den Magen ..."

Viele Mediziner haben die EbM begrüßt, weil sie die ärztliche Kunst auf ein empirisch abgesichertes Fundament stellt. Auch die Gesundheitspolitik war dankbar, weil die EbM eine Richtschnur gibt, an der entlang objektiv entschieden werden kann, was bezahlt werden soll und was nicht. Beim Patienten indes stößt dieser Ansatz nicht selten an Grenzen. Denn die Leitlinien bilden die Vorstellungen und Wünsche des einzelnen Menschen nicht ab. Ja, im Kern sind sie autoritär und passen nicht zur Idee vom Patienten als mündigem Gegenüber des Arztes.

Das sehen mittlerweile auch viele Mediziner so. In dieser Woche lud die Berliner Ärztekammer zum ersten deutschen Kongress über eine "wertebasierte Gesundheitsversorgung". "Wie sähe es aus, wenn wir im Gesundheitswesen den Fokus tatsächlich auf den Wert und den Nutzen für den Patienten setzten?", fragten sich die Teilnehmer. Schon an dieser Frage wird deutlich, wie weit sich Arzt, Patient und Gesundheitssystem bereits entfremdet haben. So weit, dass die Frage offen ist: Was wollen wir eigentlich von unserem Gesundheitssystem?