Endlich findet Pedro Almodóvar, der große spanische Regisseur, nach einigen arg konstruierten Filmen zu seiner alten erzählerischen Leidenschaft zurück! Durch Zufall begegnet Julieta einer Kindheitsfreundin ihrer Tochter, und diese Freundin will die schon seit Jahren abgetauchte Antía gesehen haben. Die Nachricht bringt die Mutter aus dem Takt und veranlasst sie, der Verschwundenen einen langen Brief über ihre eigene Geschichte zu schreiben. Sie schreibt über die mystische Begegnung mit ihrer großen Liebe während einer Zugfahrt, über das gemeinsame Leben mit dem Mann, einem Fischer, der Antías Vater wurde, von Tod, Schuld, Sehnsucht und den Windungen des Schicksals. Wieder gibt Pedro Almodóvar einer Heldin Rückhalt durch exzentrische Kleidung und starke Farben, wieder findet er einen fließenden Erzählstil, der die überbordende Handlung elegant im Griff behält. Etwa in einer Szene, in der sich die junge, kurz hinter ihren Haaren verborgene Julieta im null Komma nichts in die ältere verwandelt. Es ist schon erstaunlich, wie es dem kürzesten Wettbewerbsfilm gelingt, ein ganzes Leben, seine Sehnsüchte, seine Abgründe, seine Trauer zu erkunden. Der Film ist übrigens auch ein Wiedersehen mit Pedro Almodóvars liebster Nebendarstellerin Rossy de Palma, die hier als angegrauter Hausdrachen mit Beton-Dauerwelle zu sehen ist.

Fast drei Stunden lang spielt dieser Film des Regisseurs Cristi Puiu in einer mit Möbeln vollgestopften Bukarester Wohnung und zeigt die Trauerfeier einer Familie. Beim Warten auf den Popen wird gekocht, geraucht, über Politik und YouTube-Filme gestritten, der Tisch auf- und angesichts der eintretenden Dramen wieder abgedeckt. Neureiche Verwandte treffen auf paranoide Verlierer. Die Schwester der Witwe bricht angesichts der Untreue ihres Ehemannes zusammen. Die eiserne Großtante verteidigt den rumänischen Kommunismus samt seiner Gräueltaten vor ihrer weinenden Nichte. Als auch noch die rebellische Enkelin ihre sturzbetrunkene Freundin mitbringt, die nicht nur das Klo vollkotzt, wird es selbst der gelassen über den Clan herrschenden Großmutter zu viel. Wann kommt endlich der Priester? Zwischen den ständig auf- und zugehenden Türen behält allein die virtuose Kamera den Überblick. Cristi Puius Film macht eine ganze Gesellschaft, ihre Widersprüche und ihre verdrängte Geschichte zum konzentrierten Kammerspiel. Sieranevada ist ein weiteres Meisterwerk des jungen rumänischen Kinos, das sich mit großer Konsequenz an seinem Land abarbeitet.

Eine junge Frau öffnet in einer Ausgabestelle für Lebensmittel eine Dose Ravioli und stopft sich den Inhalt hastig mit der Hand in den Mund. Die Scham, die die alleinerziehende Mutter Katie über diese Tat empfindet, geht auf den Zuschauer über und verwandelt sich in Wut. Es ist die Wut auf ein an private Unterfirmen verscherbeltes Sozialsystem, das Katie dazu bringt, sich das Essen für ihre beiden Kinder tagelang vom Munde abzusparen. Katie, die Heldin dieser bewegenden Szene, ist eine Nebenfigur von Ken Loachs neuem Film. Im Zentrum steht der verwitwete Schreiner Daniel Blake. Nach einem Herzinfarkt kann er nicht mehr arbeiten, bekommt aber die Invalidenrente verweigert. Ken Loach folgt der Odyssee des Mannes von scharf geführten "Verhören" durch private Gesundheitsprüfer über die Besuche im Jobcententer bis zum verzweifelten Verharren in Warteschleifen. Wie soll man Hilfe beim Ausfüllen von Onlineformularen beantragen, wenn die Telefonnummer dafür wiederum nur online zu finden ist? I, Daniel Blake zeigt den Kampf eines Mannes um seine Würde, um seine Rechte als Bürger in einer Demokratie. Und so harsch dieser Film seine Systemkritik anlegt, enthebt er doch den einzelnen Sachbearbeiter nicht der Verantwortung.