Wie schlecht die Europäische Union in einer ihrer größten Krisen funktioniert, lässt sich an einer Zahl ablesen: 1.528. So viele Flüchtlinge wurden seit dem vergangenen Herbst aus Griechenland und Italien auf den Rest der Europäischen Union verteilt, um die beiden überforderten Staaten im Süden zu entlasten. Eigentlich wollten die EU-Staaten 160.000 Menschen umsiedeln, so hatten sie es beschlossen. Aber es klappt einfach nicht.

Der Deal sah ursprünglich eine Quote vor. Länder mit wenig Geld und vielen Arbeitslosen sollten weniger Flüchtlinge aufnehmen als reiche Länder mit geringer Arbeitslosigkeit. Doch Ungarn und die Slowakei weigern sich, überhaupt mitzumachen. Polnische und spanische Politiker beschweren sich schon über kleine Kontingente. Österreichs Außenminister nennt die Quotenregelung "absurd". Und die slowakische Regierung hat vor dem Europäischen Gerichtshof sogar dagegen geklagt. Die 160.000 Flüchtlinge sind nur ein winziger Teil derer, die in Europa Schutz suchen. Doch nichts deutet darauf hin, dass sich die Mitgliedstaaten einigen.

Was aber wäre, wenn man im komplexen Geflecht der europäischen Asylpolitik die nationale Ebene umginge und sich direkt an die Kommunen wendete? Wenn also die EU-Kommission nicht mehr mit störrischen Nationalregierungen verhandelte, sondern direkt mit denen, die sich am Ende um die Flüchtlinge kümmern: mit den Bürgermeistern der Städte und Gemeinden? Nicht Deutschland, Polen und Frankreich würden dann um die Verteilung der Flüchtlinge feilschen, sondern Tuttlingen, Slubice und Toulouse.

Diese Idee kursiert zurzeit unter führenden Sozialdemokraten in Europa. Formuliert haben sie Gesine Schwan, Vorsitzende der SPD-Grundwertekommission und einstige Bewerberin um das Bundespräsidentenamt, und ihre Genossin Maria João Rodrigues, früher portugiesische Arbeitsministerin, heute Abgeordnete im Europäischen Parlament. Sie versuchen, das Verteilungsproblem mit einem einfachen ökonomischen Anreizsystem zu knacken: Kommunen sollen die Flüchtlinge nicht von ihren Staaten aufgedrückt bekommen. Sie sollen sich bei der EU um sie bewerben. Genauer: um das Geld, das sie für die Unterbringung und Verpflegung der Flüchtlinge brauchen. Die Bewerbung wäre freiwillig, die Flüchtlinge könnten mitentscheiden, in welche Stadt sie ziehen. Wenn sie sehr beliebte Orte aussuchen, müssten sie jedoch auf eine Warteliste. Der deutsche Wirtschaftsminister und SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel hält den Vorschlag für richtig. "Man braucht solche unkonventionellen Ideen, um aus der verfahrenen Lage herauszukommen", sagt er.

Im Detail geht diese Idee so: Bürgermeister aus Städten oder Dörfern, die Flüchtlinge aufnehmen möchten, schreiben gemeinsam mit lokalen Unternehmern, Kirchen und Vereinen eine Bewerbung. Sie erklären darin, wie viele Flüchtlinge sie aufnehmen und was sie ihnen bieten können: Arbeitsplätze, Wohnraum, Sprachkurse. Sie geben an, welche Kosten sie für ihre Kommune erwarten und welche Gewinne – etwa weil durch den Zuzug offene Lehrstellen besetzt oder Schulen vor der Schließung bewahrt werden könnten.

Das Geld, das die Kommunen für die Versorgung der Flüchtlinge brauchen, wird in diesem Modell nicht mehr vom Bund oder den Ländern überwiesen, sondern direkt von der Europäischen Union. In ihrem Entwurf schlagen die Politiker um Gesine Schwan einen Fonds vor, in den die Mitgliedstaaten der EU einzahlen, überwacht von der EU-Kommission. Angliedern ließe er sich etwa an die Europäische Investitionsbank. Die ist zwar eigentlich dafür bestimmt, Kredite für große europäische Bauprojekte zu vergeben, kennt sich aber mit der Verwaltung solcher Fonds gut aus.