Ghada und Fares* sind einander nie begegnet, die eine kommt aus dem Jemen, der andere aus Syrien. Der Krieg löste ihr altes Leben auf. Beide litten Angst und Schmerz. Beide mussten fliehen. Doch der Krieg war nicht das Schlimmste. Schlimmer war es vorher, als der Frieden sie lähmte.

Ghada

Regen auf Sylt. In der Einfamilienhaussiedlung von Westerland fährt der Wind durch die kahlen Sträucher. Ghada sitzt im Schneidersitz auf ihrem Bett. Wenn sie spricht, klingt ihre Stimme manchmal atemlos, als wäre sie gerade gerannt. Dann hält sie inne und atmet durch. Schließt die Augen und hört auf das Pfeifen des Windes.

Sie erzählt, wie sie gerannt ist. Am Flughafen von Sanaa, der Hauptstadt des Jemen. Sie sah das rettende Flugzeug draußen am Gate parken und glaubte, es setzte schon zurück. Sie wollte so sehr in dieser Maschine sitzen, dass sie plötzlich Angst bekam, ihr Wunsch könnte zu groß sein. Also rannte sie los.

Willkommen an Bord, sagte der Flugbegleiter der Egypt Air, als sie einstieg. Das Flugzeug hob ab und stieg und stieg. Ghada sah aus dem Fenster. Sanaa unter ihr wurde immer kleiner, dann verschwand es, die Turmhäuser, die Moscheen, die 2000 Jahre Stadtgeschichte.

Ghada wird nicht zurückkehren. Wahrscheinlich wird sie ihre Eltern nicht mehr wiedersehen. Sie wird auch nicht zurückkehren, wenn sie selbst Kinder hat. Ein Mensch, sagt sie, hat keine Wurzeln. Der Mensch ist keine Pflanze, die dort wächst und vergeht, wo die Saat in die Erde gebracht wurde. Niemand ist schicksalhaft an einen Ort gebunden. Gewalt und Verzweiflung kann man hinter sich lassen. Ein Mensch ist nicht, er wird, bis zum Schluss.

Drei Tage nach Ghadas Abreise wurde der Flughafen von Sanaa geschlossen. Die Huthi-Rebellen erlaubten niemandem mehr, die Stadt zu verlassen. Sie hatten sie gewaltsam eingenommen und den Präsidenten der international anerkannten Regierung, Abed Rabbo Mansur Hadi, aus seinem Palast verjagt.

Fares

Im Norden Hamburgs stapeln sich gleich an den Gleisen für Güterverkehr Dutzende weiße Container. In einem lebt Fares mit drei anderen jungen Syrern. Der eine liegt im Bett und raucht. Ein anderer schläft, den Arm über das Gesicht gelegt, als sei er noch erschöpft von der Monate zurückliegenden Flucht. Der Dritte verfällt in Schweigen, nachdem schon die ersten höflichen Fragen direkt in die Traurigkeit geführt haben: Seine Frau ist mit der Tochter in Damaskus geblieben. Er hat die beiden seit einem knappen Jahr nicht mehr gesehen.

Fares aber redet. Er erzählt anschaulich, mit vielen Details, er sagt zwischendurch: Jetzt pass auf! Hör zu! Sieh mal! In ihm hat sich vieles gestaut. Die Tage vergehen mit Nichtstun. Er lebt in dem Raum, der so klein ist, dass die vier Bewohner nicht gleichzeitig von ihren Betten aufstehen können. Alle paar Minuten donnert ein Flugzeug im Landeanflug auf Fuhlsbüttel über die Container hinweg. Sonst passiert nichts. Fares’ Asylbescheid sollte längst da sein.

Bis vor Kurzem schien Fares die Welt voller Möglichkeiten. Aber vielleicht war es bloß eine kurze Euphorie, aus der Erschöpfung entstanden, nachdem er den halben Kontinent zu Fuß durchquert hatte. Jetzt steht das Gefühl der Vergeblichkeit vor der Tür und verlangt Eintritt. Noch kann Fares sich gegen die Tür stemmen, es nicht hereinlassen, damit es sich nicht wieder breitmacht in seinem Leben, wie früher in Damaskus, bevor er Syrien verließ.

Fares wog damals 95 Kilo bei einer Größe von 1,68 Metern. Er war so dick, dass seine Schenkel seitlich über die Sitzfläche des Stuhls hingen. Fares’ Eltern hatten sich scheiden lassen. Er wohnte beim Vater. Der sprach kaum ein Wort und schimpfte bloß, wenn er losmusste zum Supermarkt, weil Fares den Kühlschrank wieder leer gegessen hatte. Fares spielte World of Warcraft am Computer, und wenn er anfing zu essen, konnte er nicht mehr aufhören. Die Zeit verging. Fares hatte das Gefühl, dass er nicht einmal den Hauch von Einfluss auf sein eigenes Leben hatte.

Kam Fares später nach Hause, schimpfte der Vater wieder und sagte: Wo hast du dich herumgetrieben? Willst du mein Leben zerstören, wie deine Mutter? Du sollst dich nicht mit Mädchen treffen.

Dabei traf Fares nie ein Mädchen. Heute sagt er: Kennst du das Gefühl, wenn du wirklich mit jemandem zusammen sein willst? Er beschreibt dieses Gefühl als Sehnsucht, gemischt mit der Angst, dass er jener einen Frau, mit der er unbedingt zusammen sein will, niemals begegnen könnte. Sein Vater dagegen hält Begehren für nichts weiter als eine unwillkürliche Reaktion des männlichen Organismus auf den Reiz jeder beliebigen Frau. Als der Vater wieder heiratete, verbot er seiner Frau, das Kopftuch abzunehmen, wenn Fares zu Hause war.

Ab und an lernte Fares Mädchen wenigstens auf Facebook kennen. Doch schon nach ein paar Nachrichten oder Skype-Gesprächen wurde es unangenehm. Hast du ein Auto?, fragten sie. Wie viel verdienst du? Auch von seinen älteren Freunden hörte er nichts Gutes über Mädchen: Antwortete man nicht innerhalb von Minuten auf ihre Nachrichten, machten sie eine Szene. Sie verlangten Facebook-Passwörter. Ihre Nähe musste man sich erkaufen, indem man sich auf Schritt und Tritt kontrollieren ließ.

Lähmende Müdigkeit wurde Fares’ ständiger Begleiter. Er bekämpfte sie mit Litern von Kaffee und Energydrinks. Einmal schlief er so fest, dass er nicht hörte, wie der Durchlauferhitzer im Badezimmer explodierte, er hörte auch nicht, wie der Vater an die von innen verschlossene Wohnungstür klopfte, hörte nicht, wie der Vater die Tür eintrat, erwachte nicht einmal, als der Vater ihn mit einem Gürtel verdrosch. Als Fares schließlich die Augen öffnete, blickte er in das entgeisterte Gesicht seiner Stiefmutter und merkte, dass etwas nicht stimmte. Er stand auf, wankte zum Spiegel, immer noch wie betäubt. Dann blickte er in sein Gesicht: Blut lief ihm über Stirn und Wange, seine Lippe war aufgeplatzt. Da wurde er wach, und die Schmerzen, die er vorher nicht gespürt hatte, raubten ihm den Atem.