Ghada

Ghadas Vater, ein hoher Beamter der jemenitischen Regierung mit einer Vorliebe für Anzüge von Yves Saint Laurent, sagte oft zu ihr: "Du bist mir ähnlich, du hast meinen Ehrgeiz geerbt." Er fügte hinzu: "Aber du bist eben eine Frau." Er sah dabei so aus, als bemitleide er sie für dieses Schicksal.

Heute schreibt er ihr Nachrichten auf WhatsApp. Im Ramadan: Fastest du??? Und sonst: Trägst du dein Kopftuch? Ghada schickt ein Smiley zurück. Trotz allem, was passiert ist, ist es ihr unmöglich, ihren Vater anzulügen. Sie haben sich seit einem guten Jahr nicht gesehen. Alle Gespräche liegen lange zurück, doch sie nehmen in Ghadas Erinnerungen den größten Raum ein – mit ihrer Mutter hat sie nicht halb so viel geredet.

Die Unterhaltungen mit ihrem Vater drehten sich meistens darum, was sich für eine Frau im Jemen gehört und was nicht, und das am konkreten Beispiel Ghada.

Ich will nach England zum Studieren.

Niemals.

Aber ich will studieren.

Nein. Du musst nicht studieren. Schon gar nicht im Ausland.

Aber hier im Jemen gibt es keine guten Unis. Ich gehe auch in ein islamisches Land.

In welches?

Malaysia.

Na gut. Ich denke darüber nach.

Aber dort will ich an eine britische Uni.

Aber nur Bachelor, keinen Master, und dann heiratest du.

Mal sehen, Papa.

Geht doch, dachte sie oft. Ich kriege das hin: Die Grenzen millimeterweise verschieben. Wenn sie erst studiert hätte, könnte sie arbeiten. Wer arbeitet, verdient Geld. Wer Geld verdient, muss nicht heiraten, jedenfalls nicht früh. Wer nicht heiraten muss, kann selbstbestimmt leben. So in etwa gingen ihre Gedanken. Ziel der Verhandlung war es, die Macht ihres Vaters einzuschränken, ohne dass er es merkte. Anderes gesagt: Sie wollte frei leben bei gleichzeitigem Erhalt der Vaterliebe.

Erst später verstand sie, dass sie keine Chance hatte.

In der jordanischen Hauptstadt Amman, wo Ghadas Vater regelmäßig seinen Kardiologen aufsuchte und zu dem sie ihn oft begleitete, bot die Coffeekette Starbucks den Service an, dass ein Kellner an den Tisch kommt. Ghada wollte einen Frappuccino mit fettarmer Milch und Karamellgeschmack. Der Kellner notierte, sie lächelte.

"Schamlose Nutte", zischte ihr Vater. "Du bist eine Schande für die ganze Familie, so mit den Männern zu sprechen." Seine Stimme wurde immer lauter. "Willst du den Kellner gleich hier verführen?" Die anderen Gäste im Starbucks schauten interessiert zu. Ghada traten die Tränen in die Augen. Sie zog sich das Kopftuch enger ums Gesicht. Nicht weinen, nicht weinen, dachte sie.

Sie hat immer versucht, vor dem Vater nicht zu weinen in all den Jahren, als er sie immer wieder schlug oder den Bruder anhielt, sie zu verprügeln, und danebenstand, um zuzusehen, wie sie unter den Schlägen zu Boden ging. Ghadas Würde war auf einen kleinen, aber harten Kern geschrumpft, den sie in sich trug, vollkommen und intakt, wie viele Schläge auch auf sie niedergingen. Sie gönnte es dem Vater nicht, sie weinen zu sehen, und auch den Gästen im Starbucks gönnte sie es nicht. Also blickte sie den Tobenden nur stumm an.

Aber als sie jetzt – Jahre später – davon erzählt, weit weg und mitten in Europa, laufen ihr die Tränen die Wangen hinunter. Sie beugt den Kopf nach vorn, als wollte sie ihn auf die Knie legen, dann richtet sie sich ruckartig auf.

Im Starbucks Amman entschied sich Ghada, den Jemen zu verlassen. Sie hatte ein Studium der Wirtschaftswissenschaften in Kuala Lumpur mit Bestnote abgeschlossen, sie arbeitete bei einer Ölfirma, verdiente Geld. Doch all das zählte nicht: Sie war eine Frau. Eine Last für ihren Vater. Seine Ehre, wie er es nannte, hing von ihrem Verhalten ab. Deshalb war er wütend auf sie: Als sei sie es, die Macht über ihn habe und deshalb bekämpft, ja vernichtet werden müsse.

Zu dieser Zeit sorgte die schiitische Bewegung der Huthi-Rebellen im Jemen schon länger für Unruhe. Ursprünglich war es ihnen darum gegangen, im sunnitisch dominierten Jemen ihre Identität zu bewahren. Aber als Präsident Saleh 2012 die Macht an seinen Stellvertreter übergeben hatte und viele Jemeniter sich um den arabischen Frühling betrogen sahen, nahm die Huthi-Bewegung Fahrt auf: Ihre Protesthaltung fand mit einem Mal Anhänger.

Die Huthis verstehen sich als Asketen, als Gegensatz zu den vom Westen gefütterten Regierungen, die den USA und Europa Öl verkaufen und in Palästen wohnen, während das Volk hungert. Die Huthis tragen zum Turban geschlungene Tücher auf dem Kopf, manche führen den Krummdolch mit sich. Sie verstehen sich als die Bewahrer der jemenitischen Identität. Dazu gehört, dass Frauen nach Einbruch der Dunkelheit das Haus nicht mehr verlassen dürfen, ihnen das Musizieren generell verboten ist und sie einander nicht mit Smartphones fotografieren sollen.

Diese Huthis sind es, die Ghada einen Ausweg eröffnen.