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Lässt sich die deutsche Flüchtlingspolitik aus unserer hochbelasteten Geschichte erklären, die gewissermaßen durch die regierenden Akteure hindurch wirkt, sie moralisch imperial handeln und das Land damit in die Isolation führen lässt? Nein. Zeigt sich an dieser Art von psychohistorischer Kritik gerade, dass die alte deutsche Vergangenheitspolitik nicht mehr funktioniert? Ja.

Heinrich August Winkler gehört zu jener verdienstvollen Garde deutscher Historiker, die den Weg der Deutschen nach Westen akribisch nachgezeichnet haben. Und das heißt in einem ob seiner Vergangenheit über lange Strecken grundverunsicherten Land auch immer: vorgeschrieben haben. Abweichungen von diesem Weg wurden streng geahndet. In Winklers Aufsatz für die ZEIT (Nr. 18/16) über die Flüchtlingspolitik fällt schon nach wenigen Zeilen das Warnwort: "Sonderweg". Gemeint ist natürlich: Abweg. Entsprechend der Faustregel, dass alles, was nur die Deutschen machen, mit hoher Wahrscheinlichkeit falsch – und gefährlich – ist. So eben auch in der Flüchtlingspolitik.

Der Westen fungiert nach diesem Verständnis als eine Art forensische Psychiatrie der Weltgeschichte, mit einem amerikanischen Klinikchef an der Spitze, wo die Deutschen sich eine gewisse Freigänger-Existenz erarbeitet haben. Das alles war jahrzehntelang richtig und sinnvoll, und es hat den Deutschen gewiss nicht geschadet. Gern wäre man dabei geblieben.

Doch es ist vorbei. Nicht weil die Deutschen als geheilt entlassen worden wären. Wer wollte das schon behaupten, gewiss kein Deutscher, denn damit würde er sich der produktiven Restverunsicherung über sich selbst und die eigene Geschichte begeben. Nein, nicht die Deutschen sind geheilt, die Klinik wurde geschlossen. Und zwar von ihrem amtierenden Chef: von Barack Obama.

Unter seiner Führung haben die Amerikaner damit begonnen, sich aus den östlichen und südlichen Nachbarschaftskonflikten der Europäer allmählich zurückzuziehen, sie sind auch nicht mehr bereit, das zu leisten, was sie über Jahrzehnte vollbracht haben: Europa von außen zu stabilisieren und gewissermaßen von hinten zu führen.

Dieser Teilrückzug wurde in den drei großen Krisen der letzten Jahre unübersehbar (wiewohl er von vielen nach Kräften verdrängt wird).

  • Bei der Euro-Krise vertraten die Amerikaner erkennbar nur ihre eigenen Interessen. Von der Wall Street über das Weiße Haus bis in die Redaktionsstuben fast aller Zeitungen gab es nur eine einzige, schrill vorgetragene Meinung: Die Deutschen müssen Geld drucken – und damit dem amerikanisch dominierten Finanzsystem neues Spielgeld zuführen. Unabhängig von der Frage, was in der Sache das Beste gewesen wäre, lag eines auf der Hand, dass nämlich eine deutsche Regierung diesem national motivierten Drängen der Amerikaner nicht nachgeben konnte.
  • In der Ukrainekrise überließ der amerikanische Präsident den Europäern – das hieß nach Lage der Dinge den Deutschen – bei den Verhandlungen mit Wladimir Putin die Führung des Westens. Angela Merkel wurde zur großen Gegenspielerin des Kremlchefs auserkoren – und von Putin akzeptiert.
  • Bei der Flüchtlingskrise wiederum zeigte sich Barack Obama hocherfreut, dass irgendjemand bereit war, das humanitäre Gesicht des Westens zu wahren und zunächst vielen Flüchtlingen Schutz zu gewähren. Für diese Rolle schienen nur die Deutschen geeignet, weil sie dafür stark genug waren und anders als Briten und Franzosen keine so vergiftete Kolonialgeschichte mit den Arabern haben. Obama wollte es jedenfalls nicht selbst tun, obwohl doch die USA weit mehr Verantwortung für das Chaos im Mittleren Osten tragen als die Europäer.

Alle drei Krisen zeigen, dass die Europäer von den global ohnehin überforderten USA mit Ausnahme (hoffentlich) der Verteidigung des Nato-Territoriums weitgehend alleingelassen werden. Was wiederum für die Deutschen einen epochalen Wandel markiert, den sie sich nicht ausgesucht haben: vom Freigänger der Weltgeschichte zur unverzichtbaren Führungsmacht in Europa oder, wie Obama es ausdrückt, zum drittmächtigsten Land der Erde. Wenn man bedenkt, in welchem Zustand sich die Welt befindet, möchte man ihm zurufen: Schönen Dank auch, Herr Präsident. "You picked a fine time to leave me, Lucille."

Damit wird aber auch der Winklersche Maßstab "Westen" – tun, was die anderen tun – weitgehend unbrauchbar. Zumal die anderen großen Mächte in Europa offenbar kaum weniger verunsichert sind als die Deutschen. In der Flüchtlingspolitik etwa wirkte François Hollande doch sehr wie ein von Marine Le Pen im Élysée unter Hausarrest gestellter Präsident und nicht wie ein freier Mann. Auch David Camerons Seele schien angefressen von seiner Angst vor Nigel Farage und Boris Johnson. Das bedeutet nicht, dass sie im Unrecht waren und die Bundesregierung recht hatte, es bedeutet nur, dass weder Briten noch Franzosen, noch Deutsche den Urmeter politischer Vernunft in Europa darstellen.

Wenn also die Deutschen heute etwas ganz anders machen als alle anderen, sei es eine Energiewende oder eine relativ liberale Flüchtlingspolitik, dann kann das dreierlei bedeuten: Entweder die Deutschen irren; oder die anderen irren; oder aber niemand irrt, und die Unterschiede ergeben sich aus den verschiedenen Rollen und Möglichkeiten der Akteure.