Mit Freihandel kann der Kandidat der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) gar nichts anfangen. Als Bundespräsident, schwört Norbert Hofer, werde er das geplante transatlantische Handelsabkommen TTIP "nicht unterzeichnen, auch wenn das Parlament dafür stimmen sollte". Und ebenso egal ist es Hofer, dass die Inhalte des Vertrags noch gar nicht feststehen.

Die Stichwahl am Sonntag könnte er trotzdem gewinnen. Vielleicht sogar deswegen. Radikal dagegen zu sein – das genügt Hofer und seiner FPÖ, um Hunderttausende Wähler anzuziehen. Es sind Unzufriedene, denen die zaghaften Reformversuche der großen Koalition nicht weit genug gehen oder viel zu weit. Menschen, die Angst haben vor Chlorhühnchen und Globalisierung, vor billigen ausländischen Wettbewerbern auf dem Arbeitsmarkt, dem Verlust ihrer Jobs, dem sozialen Abstieg. Umfragen zufolge dürften sie den Rechtspopulisten auch bei der nächsten Parlamentswahl einen Triumph und die Übernahme des Wiener Kanzleramts bescheren. Doch sie übersehen, dass ihnen die FPÖ wenig zu bieten hat außer bloßer Fundamentalopposition.

"Die FPÖ-Wähler halten die jetzige große Koalition für reformunfähig, aber die FPÖ hat selbst kein wirtschaftspolitisches Reformprogramm", sagt Michael Steiner, Ökonomieprofessor an der Universität Graz. Der Parteienforscher Peter Filzmaier sagt, die FPÖ habe nicht einmal "einen Pool von kompetenten Leuten für Wirtschaftspolitik, aus dem sie rekrutieren könnten". Und der frühere FPÖ-Fraktionschef Friedhelm Frischenschlager nennt die Partei "nicht regierungsfähig" – wegen ihrer in sich widersprüchlichen wirtschaftspolitischen Forderungen.

"Unser Geld für unsere Leut’" oder "Arbeitsstellen statt Zuwanderungswellen" ließen die Freiheitlichen zuletzt plakatieren. Diese Parolen treffen einen Nerv: Seit 2010 steigt die Zahl der Arbeitslosen in Österreich. 72 Prozent aller teilnehmenden Arbeiter votierten im ersten Wahlgang zur Bundespräsidentenwahl vor vier Wochen für Hofer. Die "Freiheitlichen" sind zur Partei des "kleinen Mannes" geworden. Und genau das ist eines ihrer fundamentalen Probleme.

Höhere Löhne, niedrigere Steuern, höhere Pensionen, niedrigere Mieten: Die vergangenen Wahlkampfversprechen der FPÖ könnten von Linkssozialisten stammen. Andererseits ist die "soziale Heimatpartei", wie ihre Anführer sie gern nennen, traditionell eine unternehmerfreundliche Partei, die Privatisierungen, eine Senkung der Lohnnebenkosten und einen möglichst kleinen Staat verlangt, wenn es gerade politisch opportun ist. "Unsere Anregung ist immer, einen Preiszettel auf alle Leistungen des Staats draufzugeben", sagt Barbara Kolm, Wirtschaftsberaterin der FPÖ und Leiterin des Wiener Friedrich-Hayek-Instituts. Die Partei wolle die Lohnnebenkosten drastisch reduzieren "und der Wirtschaft bessere Rahmenbedingungen schaffen. Der Staat soll die Wirtschaft einfach machen lassen." Das klingt sehr nach Hayek, dem Vater des Neoliberalismus. Und passt nicht zur FPÖ-Forderung, ganze Sektoren des Arbeitsmarkts für EU-Ausländer zu schließen.

FPÖ-Vorzeigepolitiker wie Hofer oder Parteichef Heinz-Christian Strache treten öffentlich ganz anders auf als Kolm. "Mit Hayek-Ideologie kann ich Arbeiterbezirke wie Simmering in Wien nicht halten", sagt der frühere Fraktionschef Frischenschlager, der die Partei 1993 verließ. "Diese Ideologie steht jeglicher Sozialhilfe feindlich gegenüber. Da laufen dir die Leute in der Sekunde davon." Die FPÖ habe mit linken, rechten und liberalen Parolen bei unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen Stimmen gefangen. Aber sobald sie einmal Regierungsverantwortung übernehme, werde sie einen Teil ihrer Klientel zwangsläufig bitter enttäuschen müssen.