Als deutscher Literaturkritiker hat man ein selektives Bild von der Welt: Es gibt den Globus mit seinen unzähligen Nationen, das meiste Terra incognita, man ist schon froh, wenn man das jeweilige Nationalgericht kennt. Dann gibt es jene Länder, die schon einmal Ehrengast der Frankfurter Buchmesse waren. Die kennt der deutsche Literaturkritiker, die hat er bereist, zu denen hat er eine Meinung. Das ist allerdings ein sehr spezieller Meinungsbildungsprozess: Im Vorfeld der Buchmesse lädt das Gastland Journalisten ein. Haben diese das Gefühl, dass das Land für die Sache der Literatur brennt, ist es oft der Beginn einer lebenslangen Völkerfreundschaft.

Oft stellt man fest: Je kleiner das Land, umso größer der Glaube an die Literatur, umso größer der Enthusiasmus, die eigenen Schriftsteller in die Welt zu exportieren und die deutschen Kritiker zu glühenden Fans zu bekehren. Island gelang das so umfassend, dass nicht wenige deutsche Literaturkritiker seither davon träumen, Honorarkonsul der Elfen-Insel zu werden.

2018 ist Georgien Gastland der Buchmesse. Dort nimmt man die Sache so ernst, dass man bereits jetzt die ersten Journalisten nach Tiflis gebeten hat. Und wenn die Zeichen nicht täuschen, wird sich das Land, das einst das mythische Kolchis war, in das Jason zog, um sich das Goldene Vlies unter den Nagel zu reißen, einen besonderen Platz im Herzen des deutschen Feuilletons erobern. Die Literatur des kleinen Landes mit seinen drei Millionen Einwohnern ist vielfältig, anspruchsvoll und weltneugierig. Seine kulturelle Führungsklasse jung, enthusiastisch und kosmopolitisch. Und dann gibt es immer noch eine von beeindruckender Bildungsfülle getragene Verehrung für die deutsche Kultur – hat man je von einem Nicht-Muttersprachler ein edleres, nuancierteres Deutsch gehört als aus georgischem Mund?

Die Georgier, das war jetzt unser beherrschender Eindruck, leben vor allem in einer Angst: dass Russland, das sich seit der Unabhängigkeit bereits 20 Prozent des georgischen Territoriums gekrallt hat, das Land wieder besetzen könnte. Mancher Georgier sagt: "Das Einzige, was uns retten kann, ist ein Zusammenbruch Russlands." In welchem territorialen Zuschnitt Georgien 2018 in Frankfurt ankommt, ist also durchaus ungewiss. Das Putinsche Imperium wird es vermutlich kaum beeindrucken, dass die deutsche Literaturkritik jedenfalls die georgische Sache zu der ihren gemacht hat ...