Ist das meistverbreitete Unkrautvernichtungsmittel der Welt, ist Glyphosat krebserregend? Die Antwort ist Ja! Und Nein! Ja, sagte die Weltgesundheitsorganisation im März 2015. Nein, sagte das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) im September 2015. Nein, urteilt jetzt auch ein gemeinsames Expertengremium von Weltgesundheits- und Welternährungsorganisation: Für den Verbraucher gehe von den Glyphosatrückständen in Lebensmitteln kein Gesundheitsrisiko aus.

Über Monate wurden die scheinbar widersprüchlichen Aussagen der Experten von Lobbyorganisationen und Medien genutzt, um einen Schaukampf zu inszenieren. Hier die Chemiekonzerne, dort die Umwelt- und Verbraucherschützer. Hier die industrialisierte, dort die bäuerliche Landwirtschaft. "Wir machen euch satt!" gegen "Wir haben es satt!".

Bald ging es gar nicht mehr um das Glyphosat selbst, sondern um die wirtschaftlichen und ökologischen Strukturen, in denen es zum Einsatz kommt: Denn ein Verbot von Glyphosat bedeutete eine endgültige Abkehr vom US-Agrarchemieriesen Monsanto mit seinem gentechnisch an das Pflanzengift angepassten Saatgut. Ein Verbot bedeutete vielerorts eine Rückkehr zu Pflug und Egge. Ein Verbot bedeutete aber auch den Einsatz von anderen, zum Teil deutlich giftigeren Agrochemikalien.

Die hitzige Debatte lenkt von einer simplen Wahrheit ab: Ja und Nein, das sind gar nicht zwei widersprüchliche Antworten auf eine Frage. Es sind zwei recht gut begründete Antworten auf zwei verschiedene Fragen. Die Krebsforscher hatten die Frage beantwortet, ob das Molekül prinzipiell Krebs auslösen kann: Wahrscheinlich! Wie auch Salami oder Schinken! Die Risikoforscher und Ernährungsexperten hatten sich die Frage gestellt, ob Glyphosatrückstände aus vorschriftsgemäßem Einsatz in der Landwirtschaft Krebs auslösen werden. Unwahrscheinlich!

So gesehen, ist Glyphosat mit Lakritze zu vergleichen. Schon 100 Gramm Lakritze pro Tag können neurologische Ausfälle, Bluthochdruck und sogar tödliche Infarkte verursachen. Muss Lakritze deshalb verboten werden? Die Empfehlung des BfR ist pragmatisch: Konsumieren Sie weniger als 100 Gramm Lakritze pro Tag.

Muss Glyphosat verboten werden? In dieser Woche hat die EU-Kommission darüber befunden (nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe). Die deutsche Regierungskoalition hatte sich über diese Frage im letzten Moment entzweit. Ähnlich wie bei den Experten ergeben sich die widersprüchlichen Antworten aus unterschiedlichen Perspektiven. CSU-Agrarminister Christian Schmidt plädierte mit Blick auf die Bauern für eine Wiederzulassung. Die SPD-geführten Ministerien hatten die kritischen Konsumenten im Auge – und plädierten für ein klares Verbot.

Mit der Entscheidung in Brüssel ist der Streit längst nicht beendet. Im Gegenteil: Dringender denn je brauchen wir eine Debatte darüber, wie die Landwirtschaft der Zukunft aussehen soll.

Wie versöhnen wir unseren Hunger nach Nahrungsmitteln, Energie und Rohstoffen vom Acker mit dem Schutz von Artenvielfalt und Klima?

Wie sichern wir die Existenz kleinbäuerlicher Familienbetriebe, wenn die Weltmarktpreise für Weizen oder Schweinehälften in Chicago, Neuseeland und China bestimmt werden?

Wie verhindern wir, dass Bauern die Bank mehr fürchten als das Wetter, weil sie auch auf dem deutschen Markt für ihre Produkte oft weniger bekommen, als die Produktion kostet?

Sind wir bereit, den Preis für jene Landwirtschaft zu bezahlen, von der wir träumen – die wir aber durch unser eigenes Konsumverhalten im Discounter zu verhindern wissen?

Die Antworten sind nicht so einfach, wie die Kontrahenten im aktuellen Streit vorgeben. Glyphosat – ja oder nein? Das ist nicht die richtige Frage. Glyphosat – in welcher Form, wann und unter welchen Bedingungen? Darüber müssen wir streiten. Denn wer besonnen mit Chemie umgeht, kann sich manchen Einsatz von Pflug und Traktor sparen. Die Struktur des Bodens wird erhalten, das Klima geschont. Aber die Bauern haben zu oft und zu leichtfertig zum Glyphosat gegriffen – auch um sich den Einsatz von Maschinen zu ersparen, wo er sinnvoll gewesen wäre.

Ja oder nein? Das ist zu simpel. Wir müssen uns der anstrengenden Debatte über die Zukunft der Landwirtschaft im Detail stellen. Damit nicht Weltmarkt und Banken darüber entscheiden, was wir in Zukunft essen.

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