Nachdem selbst Barack Obama im April Hannover besuchte, wird es Zeit, ihm zu folgen. Wenn Sie das nächste Mal im Bahnhof stehen, steigen Sie nicht um, sondern aus. Und zwar nicht vorne, wo sich unterm Schwanz vom Ernst-August-Pferd jeder zweite Besucher verabredet.

Ihr Weg führt durch den Hinterausgang. Nun müssen Sie tapfer sein. Was sich die Architekten dachten, die den Raschplatz sanierten, kann ich Ihnen auch nicht sagen. Hier ist Hannover so hässlich wie sein Ruf. Aber das Kino am Raschplatz ist die größte Wundertüte der Stadt. Fast jeden Tag läuft ein anderes Programm. Hans-Joachim Flebbe hat hier einst bewiesen, dass er was vom Kino versteht. Danach gründete er die Cinemaxx-Kette, die sich in bedrohlicher Größe auch gegenüber zeigt. Dazwischen steht ein Überbleibsel der Bhagwan-Bewegung. Um Geld zu verdienen, richtete die Sekte in den Achtzigern Diskotheken ein. Unter den Studenten heißt die Osho-Disco bis heute "Baggi".

Den Hangover – drei gekippte Autoskulpturen unter der Hochstraße, lassen Sie rechts hängen und kehren ein Stück weiter auf einen French Toast im Café Mezzo ein. Hier trifft sich im Laufe des Tages der Querschnitt Hannovers: morgens Mütter und verkaterte Studenten, mittags Anwälte und Politiker, nachmittags noch mehr Studenten, abends Künstler und allerlei Singles.

Wer ein Plätzchen am Fenster ergattert hat, sieht gegenüber ein Stück Berliner Mauer, doch die Blicke bleiben meist am quietschgelben Findling mit roter Sonne hängen, der an eine der größten deutschen Demonstrationen erinnert. Mehr als 100.000 Menschen protestierten hier 1979 gegen das Endlager Gorleben.

Zehn Minuten Fußweg bis zum Wedekindplatz, schon sind Sie in Klein Paris: süße Boutiquen, angesagte Kneipen, oft in Jugendstilhäusern. Die größte Pracht liegt nun vor Ihnen: die Eilenriede, Hannovers Stadtwald. Mit 640 Hektar ist er größer als Londons Hyde Park und New Yorks Central Park zusammen. Mitten in der Stadt können Sie hier einen Halbmarathon auf Waldboden laufen oder einen der vielen Biergärten besuchen.

Je näher Sie dem Wald kommen, desto häufiger sind Stuck und Ornamente durch die Fenster der Häuser zu erahnen. Die Stadt hat während der Gründerzeit viel Bauförderung betrieben. Ein Muss ist die Villa Seligmann, die dem ersten Chef der Gummiwerke Continental gehörte. Heute ist dort das Europäische Zentrum für jüdische Musik beheimatet.

Im Wald gleich dahinter klopfen die Spechte, es ist kühler und duftet nach Erde. Spazieren Sie bis zum Lister Turm. Im Biergarten nebenan trifft sich an Sonnentagen halb Hannover. Die nächste Berühmtheit ist nur 300 Meter entfernt. Es ist der goldene Leibnizkeks von Bahlsen. Er hängt an der Firmenzentrale, einem der schönsten industriellen Jugendstilbauten Deutschlands. 2013 wurde er gestohlen. Erst als der Kekshersteller versprach, 52.000 Packungen für soziale Zwecke zu spenden, fand sich der Keks wieder ein.

Von hier könnten Sie in zwanzig Minuten zurück zum Bahnhof marschieren. Doch spätestens in Reimann’s Eck werden Sie versacken. Gönnen sich ein frisch gezapftes Gilde und Hausmannskost vom Feinsten. Der Wirt betreibt nebenan auch ein Gourmetrestaurant und flitzt ständig hin und her. Ein Sternekoch für Bratkartoffeln – das ist typisch Hannover.